Neuanfänge, Selbstzweifel und die ziemlich komplizierte Sache mit der Liebe
Neuanfänge, Selbstzweifel und die ziemlich komplizierte Sache mit der Liebe"Cherry Baby" ist für mich viel mehr als eine klassische Second-Chance-Romance.Rainbow Rowell erzählt von Liebe und Trennung, aber mindestens genauso sehr von Selbstbild, Selbstzweifeln, Freundschaft und der Frage, wie man sein eigenes Leben wieder zusammensetzt, wenn plötzlich nichts mehr so ist, wie man es geplant hatte. Cherry steckt mitten in der Trennung von ihrem Mann Tom. Während er in Hollywood an der Verfilmung seines erfolgreichen Comics arbeitet, ist Cherry zu Hause in Omaha und versucht herauszufinden, wie ihr Leben ohne ihn eigentlich weitergehen soll.Besonders bitter ist, dass der Comic teilweise autobiografisch ist und die Figur "Baby" auf Cherry basiert. Und jetzt wird ausgerechnet diese Figur durch den geplanten Kinofilm plötzlich überall sichtbar. Cherry muss dabei zusehen, wie eine Version von ihr, die sie nie selbst gewählt hat, von anderen Menschen betrachtet und beurteilt wird.Ich fand diesen Aspekt unglaublich stark, denn es geht nicht nur darum, dass Cherry sich von ihrem Mann trennt. Sie muss sich gleichzeitig von dem Bild lösen, das andere von ihr haben. Und das ist gerade bei ihrem Körper ein besonders sensibles Thema. Cherry ist dick und der Roman macht daraus weder ein Problem, das unbedingt gelöst werden muss, noch eine simple "Body-Positivity"-Botschaft. Stattdessen zeigt Rainbow Rowell sehr ehrlich, wie tief gesellschaftliche Vorstellungen von Gewicht und Schönheit im eigenen Denken sitzen können, selbst dann, wenn man sich eigentlich längst akzeptiert hat. Auch das Thema Abnehmmedikamente wird dabei aufgegriffen. Und dann taucht Russ wieder auf. Cherry kennt ihn aus ihrer Collegezeit, und plötzlich ist da dieser Mann, der sie schon damals kauft und sie jetzt wieder ganz neu wahrnimmt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die mir gerade deshalb so gut gefallen hat, weil sie sich erwachsen anfühlt. Es geht nicht nur um Schmetterlinge und große romantische Gesten, sondern auch um Unsicherheiten, Vergangenheit, Vertrauen und die Frage, ob man sich nach einer gescheiterten Beziehung überhaupt noch einmal auf jemanden einlassen kann.Cherry selbst war für mich das absolute Highlight. Sie ist witzig, schlagfertig, manchmal herrlich stur und gleichzeitig unglaublich verletzlich. Sie hat Ecken und Kanten und muss nicht erst dünner, jünger oder irgendwie "besser" werden, um liebenswert zu sein. Gerade diese Unperfektheit macht sie so sympathisch. Ganz besonders geliebt habe ich außerdem die Familienchats zwischen Cherry und ihren Schwestern. Die haben mich mehrfach zum Lachen gebracht und gleichzeitig dafür gesorgt, dass Cherry nicht nur als Frau in einer schwierigen Lebensphase gezeigt wird, sondern als Teil einer Familie mit all ihren kleinen Eigenheiten, ihrem Humor und ihren manchmal ziemlich chaotischen Beziehungen.Rainbow Rowells Schreibstil hat mir ebenfalls richtig gut gefallen. Er ist locker, witzig und unglaublich zugänglich, aber trotzdem schafft sie es, schwierige und teilweise schmerzhafte Themen ernst zu nehmen. Man kann beim Lesen lachen und kurz darauf steckt plötzlich ein ziemlich trauriger Gedanke zwischen den Zeilen. Genau diese Mischung hat für mich den besonderen Reiz des Buches ausgemacht.Und obwohl die Liebesgeschichte natürlich eine wichtige Rolle spielt, ist "Cherry Baby" für mich am Ende vor allem eine Geschichte darüber, sich selbst wiederzufinden.Cherry muss nicht einfach nur entscheiden, mit wem sie zusammen sein möchte. Sie muss herausfinden, wer sie eigentlich ist, wenn sie nicht mehr die Ehefrau von Tom ist und nicht länger die Frau hinter der Comicfigur "Baby". Das hat mich viel mehr berührt, als ich erwartet hatte. Das Buch ist warmherzig, humorvoll, ehrlich und kommt mit einer Protagonistin daher, die man einfach ins Herz schließen muss.Für mich ist es eine wunderschöne Geschichte über Liebe, Selbstakzeptanz und einen Neuanfang, der nicht bedeutet, dass man plötzlich ein völlig anderer Mensch werden muss. Es ist ein echtes Wohlfühlbuch, aber eines mit viel Substanz. Ich habe Cherry unglaublich gerne begleitet und hätte am Ende am liebsten noch viel länger bei ihr und ihrer Familie verweilt. Fünf von fünf Sternen gibt es dafür von mir.