"Normal war nie der Plan" ist nach "Kirmes im Kopf" das zweite Buch der Journalistin und Autorin Angelina Boerger, die sich selbst als neurodivergent beschreibt und nach eigenen Angaben ADHS hat. Auch dieses Buch ist grundsätzlich ein persönliches, in dem die Autorin so einiges aus ihrer eigenen Wahrnehmung und Lebensgeschichte teilt. Einen noch größeren Teil nimmt aber die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Neurodiversität insgesamt ein, sodass das Buch in vielen Bereichen mehr unterhaltsames, informatives Sachbuch als persönliches Memoir ist (was seine Qualität nicht mindert).
Die Autorin nimmt sich ausführlich Zeit, zu erklären, wie es in den letzten Jahrzehnten zur Entwicklung des Konzeptes der Neurodiversität kam, warum ein einzelner Mensch neurodivergent, aber nicht neurodivers sein kann (denn letzteres können nur mehrere Individuen zusammen sein) und wie sich in der Geschichte der Medizin, Psychologie und Psychotherapie das Bild auf nicht in die gesellschaftliche Norm passende Menschen entwickelt und gewandelt hat.
Auch die sehr unschönen Entwicklungen der Vergangenheit, mit furchtbaren Bedingungen in Psychiatrien, Zwangssterilisationen und Ermordungen als abweichend wahrgenommener Menschen in der NS-Zeit usw. werden ausführlich beschrieben, ebenso wie die Antipsychiatrie-Bewegung der Zeit danach, die Entwicklung des ersten DSMs zur medizinischen Erfassung auch psychischer Besonderheiten und die Weiterentwicklung neuerer Versionen davon, hin zu einem differenzierten Blick, der nicht ausschließlich rein medizinisch und krankheitsfokussiert ist, sondern auch die Ressourcen in den Blick nimmt.
In weiten Teilen ist es also auch eine historische, soziologische, kapitalismuskritische und medizingeschichtliche Perspektive, die hier gezeigt wird.
Dabei kommt insgesamt eine ressourcenorientierte und positive Perspektive auf Neurodiversität nicht zu kurz: es wird gezeigt, wie in einer Population Vielfalt ein Vorteil sein kann, sowohl für die Population, als auch für das Individuum. Überlegt wird auch, was uns fehlen könnte ohne neurodivergente Menschen, beispielsweise sind Menschen mit ADHS oft besonders abenteuerlustig, neugierig und kreativ und Menschen im Autismus-Spektrum können sich durch Eigenschaften wie besondere Ehrlichkeit, Genauigkeit, fokussiertes Arbeiten und vieles mehr auszeichnen. Am Schluss wird auch noch darauf eingegangen, wie wir eine Welt gestalten könnten, die den individuellen Bedürfnissen aller mehr gerecht wird, sodass alle Menschen glücklicher leben und ihre Potentiale entfalten können.
Ich kann das Buch allen, die sich für das Thema Neurodiversität und Geschichte des Umgangs mit vermeintlicher psychischer Normalität und den Abweichungen davon interessieren, und gerne Sachbücher lesen, sehr empfehlen, es ist in dieser Hinsicht sehr interessant und lehrreich geschrieben. Wer sich hingegen rein einen persönlichen Erfahrungsbericht zum täglichen Umgang mit der eigenen Neurodivergenz wünscht, für den sind vielleicht andere Werke geeigneter.