Inhalt: Cindy Adriana Speich, auch bekannt als Die Bauleitung, ist durch die Dokumentation ihrer Haussanierung in Thüringen bekannt geworden. In ihrem Buch nimmt sie uns mit hinter die Kulissen ihres Social-Media-Kanals Haus Plan B und hinein in ihren Alltag als Frau, Mutter, Ehefrau und leidenschaftliche Heimwerkerin. Sie erzählt von sexistischen Kommentaren im Internet, gesellschaftlichen Erwartungen an Frauenkörper und Mutterschaft, verletzenden Erfahrungen innerhalb der eigenen Familie und patriarchalen Strukturen, die bis heute unseren Alltag prägen. Dabei geht es auch um Freundschaften, Liebe, Selbstfindung und den Mut, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen und seinen eigenen Weg zu gehen.
Erzählstil: Ich liebe Cindys Erzählstil! Sie schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: direkt, ungeschönt, herrlich bissig und mit einer ordentlichen Portion Humor. Sie nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund, spart nicht mit wunderbar bildhaften Schimpfwörtern und findet für gesellschaftliche Missstände genau die Worte, die sie verdienen. Dabei liest sich das Buch, als würde Cindy mit einem bei einem Kaffee am Küchentisch sitzen und sich alles von der Seele reden. Ihre Sprache ist angenehm umgangssprachlich, zugänglich und frei von unnötig komplizierten Formulierungen. Und trotzdem oder gerade deshalb ist das Buch so packend, dass ich den Gleiswechsel meines Zuges verpasst habe. War aber nicht schlimm, ich hatte schließlich fantastische Unterhaltung dabei! Feministische Literatur darf anspruchsvoll sein, muss sich aber nicht hinter wissenschaftlicher Fachsprache verstecken, um wichtige Gedanken zu vermitteln. Cindy schafft es, komplexe gesellschaftliche Mechanismen verständlich und mit einer sehr deutlich spürbaren Wut im Bauch zu erklären, ohne dass die Lektüre an Leichtigkeit verliert. Ich musste beim Lesen immer wieder laut lachen und war gleichzeitig unglaublich wütend. Das muss man erst einmal schaffen! Genau diese Mischung macht das Buch für mich so besonders.
Persönliche Einblicke: Im Mittelpunkt steht natürlich Cindy selbst. Sie lässt uns an ihren Erfahrungen, Zweifeln, Verletzungen und Erkenntnissen teilhaben und zeigt sich dabei unglaublich nahbar und authentisch. Besonders berührt hat mich, wie offen sie über ihren Körper, ihre Mutterschaft, ihre Ehe und die teilweise verletzenden Kommentare aus ihrer eigenen Familie spricht. Sie verschweigt weder unangenehme Erfahrungen noch die Momente, in denen sie sich selbst erst finden musste. Gleichzeitig zeigt sie, wie sie zunehmend ihren eigenen Weg geht, sich weniger von den Erwartungen anderer bestimmen lässt und sich den Spaß an ihren Projekten nicht nehmen lässt. Besonders die Verbindung zu ihrer Oma hat mich gerührt, ebenso wie die Schilderungen der starken Frauen in ihrem Leben.
Themen und Botschaften: Das Buch behandelt eine beeindruckende Vielfalt feministischer Themen. Es geht um Sexismus im Handwerk, Mansplaining, die Sexualisierung von Frauen, unrealistische Schönheitsideale und die ständige Bewertung weiblicher Körper. Cindy zeigt, wie Frauen selbst bei handwerklichen Projekten nicht selbstverständlich als kompetent wahrgenommen werden. Stattdessen werden ihre Fähigkeiten infrage gestellt oder ihre Körper zum Gegenstand ungefragter Kommentare gemacht. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen als Mütter, Ehefrauen und Töchter, mit patriarchalen Traditionen, familiären Rollenbildern, häuslicher Gewalt und reproduktiver Selbstbestimmung. Sie macht sichtbar, wie solche Vorstellungen von Generation zu Generation weitergegeben werden und wie schwierig es sein kann, sich davon zu lösen. Auch Mechanismen hinter frauenfeindlichen Kommentaren im Internet, etwa Gaslighting, Whataboutism und Täter-Opfer-Umkehr, erklärt sie auf verständliche Weise. Besonders wichtig finde ich, dass Cindy nicht nur Missstände benennt, sondern auch dazu ermutigt, ihnen etwas entgegenzusetzen. Wir müssen nicht jede Grenzüberschreitung schweigend hinnehmen, uns für unsere Entscheidungen rechtfertigen oder unsere Fähigkeiten ständig aufs Neue beweisen. Wir dürfen Raum einnehmen, Fehler machen und unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten.
Symbole und Motive: Die Baustelle ist für mich eines der stärksten Motive des Buches. Sie ist nicht nur der Ort, an dem Cindy baut, werkelt und sich ihren Traum vom eigenen Zuhause verwirklicht, sondern auch ein Ort, an dem Welten aufeinanderprallen. Cindys Anspruch, als Frau eigenständig zu arbeiten und ihren eigenen Weg zu gehen, trifft auf eine patriarchal geprägte Handwerkswelt, in der sich überholte Rollenbilder hartnäckig halten. Besonders deutlich wird das in sexistischen Sprüchen, abwertenden Kommentaren und den altbekannten Wandkalendern, auf denen sich nackte Frauen zwischen Werkzeugen oder auf Sportwagen räkeln. Solche Bilder sind keineswegs bloß harmlose Dekoration. Sie zeigen, wie selbstverständlich Frauenkörper sexualisiert werden und wie tief diese Vorstellungen in manchen Arbeitsumfeldern verankert sind. Wenn es dann heißt, Männer seien eben so oder auf der Baustelle werde nun einmal so geredet, wird aus einer überholten Gewohnheit plötzlich eine vermeintliche Selbstverständlichkeit. Genau das hinterfragt Cindy. Während sie mit jedem Projekt etwas Eigenes erschafft, begegnet sie einer Welt, die an alten Vorstellungen davon festhält, was Frauen können, wie sie auszusehen haben und welchen Platz sie einnehmen dürfen. Auch das Bauen selbst steht dabei sinnbildlich für Selbstbestimmung: Cindy wartet nicht darauf, dass ihr jemand die nötigen Fähigkeiten bescheinigt, sondern fängt einfach an, macht Fehler, lernt dazu und erschafft sich ihre eigene Welt. Das Bild des brennenden Patriarchats ergänzt diesen Gedanken. Es geht darum, überholte Strukturen nicht länger hinzunehmen, sondern sie grundlegend infrage zu stellen. Cindys Humor wird dabei zu einer Form des Widerstands. Sie macht sich über diejenigen lustig, die sie kleinhalten wollen, und nimmt ihnen damit ein Stück ihrer Macht.
Fazit: Ich habe dieses Buch unglaublich gerne gelesen. Es hat mich zum Lachen gebracht, mich wütend gemacht und mir immer wieder das Gefühl gegeben: Ja, genau das! Cindy spricht aus, was so viele Frauen erleben, und findet dafür eine Sprache, die direkt ins Herz und manchmal auch mitten in die Magengrube trifft. Ich liebe ihren bissigen Humor, ihre Bodenständigkeit und ihren Mut, auch unangenehme Erfahrungen offen anzusprechen. Besonders bereichernd fand ich, wie viele unterschiedliche Lebensbereiche sie einbezieht und wie deutlich dadurch wird, dass patriarchale Strukturen nicht irgendwo weit entfernt existieren, sondern mitten in unserem Alltag. Gleichzeitig ist das Buch unglaublich bestärkend. Cindy zeigt, dass wir nicht perfekt sein müssen, um etwas zu verändern, und nicht erst auf die Erlaubnis anderer warten sollten, bevor wir unsere eigenen Vorstellungen verwirklichen. Wir dürfen anfangen, ausprobieren, scheitern, dazulernen und stolz auf das sein, was wir selbst geschaffen haben. Ich kann dieses Buch wirklich allen ans Herz legen, unabhängig vom Geschlecht. Es ist unterhaltsam, zugänglich, erschreckend ehrlich und unglaublich wichtig. Wer sich mit Feminismus beschäftigen möchte, ohne sich durch komplizierte Fachsprache kämpfen zu müssen, findet hier einen großartigen Einstieg. Und wer sich längst mit diesen Themen auseinandersetzt, wird vermutlich an vielen Stellen nicken, lachen und sich wünschen, dass noch viel mehr Menschen dieses Buch lesen. Für mich ist es ein Buch, das wütend macht und gleichzeitig Mut schenkt. Und manchmal ist genau das die beste Kombination.