Novotnys Mumie als Buch (kartoniert)
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Novotnys Mumie

Erzählung.
Buch (kartoniert)
Alfred Bittner (1914-1989) lebte in Wien. "Novotnys Mumie" führt zurück in die letzten Kriegsjahre in Wien. Die Lebensbedingungen in der bombardierten Stadt bilden die Folie für eine grotesk-skurrile Erzählung. Im Mittelpunkt steht die Geschichte ein … weiterlesen
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Novotnys Mumie als Buch (kartoniert)

Produktdetails

Titel: Novotnys Mumie
Autor/en: Alfred Bittner

ISBN: 3706622599
EAN: 9783706622592
Erzählung.
Löwenzahn

30. August 2001 - kartoniert - 184 Seiten

Beschreibung

Alfred Bittner (1914-1989) lebte in Wien. "Novotnys Mumie" führt zurück in die letzten Kriegsjahre in Wien. Die Lebensbedingungen in der bombardierten Stadt bilden die Folie für eine grotesk-skurrile Erzählung. Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines arisierten Chemiebetriebes, in dem der neue Inhaber ein Rezept seines jüdischen Vorgängers entdeckt, das nicht nur für die SS, sondern auch für den alliierten Geheimdienst von höchstem Interesse ist.

Leseprobe:

Nach den Schilderungen jener Einwohner von Neulengbach, die bei der Auffindung von Nathan und von Nora Nachtmann zugegen gewesen waren, mußten die Leichen des jüdischen Ehepaares, wie sie da friedlich in den Ehebetten gelegen hatten, genauso ausgesehen haben: ausgezeichnet konserviert, wie lebendig, doch wenn man sie anfaßte, beinhart, wie aus Holz. Nathan Nachtmann in einem hellblau-dunkelblau gestreiften Pyjama, Nora Nachtmann in einem langärmeligen rosa Flanell-Nachthemd mit kleinem Blumenmuster - als könnten sie jeden Augenblick gähnend und blinzelnd aufwachen und nach dem Wecker tasten, um ihn zum Schweigen zu bringen, oder auch nach dem Porzellan-Nachttopf unter dem Bett (ebenfalls mit kleinem Blumenmuster) - doch hölzern starr, wie gesagt, wenn auch etwas elastisch, leicht federnd zum Beispiel die Arme, die Hände und die Finger. Dementsprechend soll es dann auch bei der Ein-äscherung ungewöhnlich zugegangen sein. Nämlich hätten sich die Leichen nicht wie üblich aufgebäumt, aufgebläht oder überhaupt bewegt, sondern wären ohne sich zu rühren mit ruhiger, gleichmäßiger Flamme verbrannt - eben wie Holz.
Genauso, genauso also sahen die Flöhe, Läuse und Wanzen aus, deren Kadaver - aber wie noch lebendig, als könnten sie jederzeit davonkriechen oder -hüpfen - auf den weißen Karton hinter der Glasscheibe geklebt waren; geklebt, weil sie dem usuellen Aufgespießtwerden starken Widerstand geleistet hatten und dabei vielleicht zersplittert wären. Stolz und zufrieden hielt Novotny die kleine Vitrine, den kleinen Schaukasten hoch und betrachtete noch einmal die toten Insekten, ehe er den Schaukasten einpackte. Beim Einpacken überlas er auch noch einmal die Beschriftung, die aussagte, daß die - mit ihren wissenschaftlichen Namen angeführten - Insekten durch eine nur sekundenlange Einwirkung der Dämpfe von Rigorin getötet worden waren. In Ordnung. Den verpackten Schaukasten stellte er dann in eine Ecke des stillen Labors, wo auch schon ein verpackter 10-Liter-Kanister mit Rigorin stand. Hübsch, wie die milden Strahlen der frühherbstlichen Morgensonne auf die beiden Pakete fielen.
Danach kratzte Novotny sich das sorgfältig rasierte Doppelkinn und überlegte, welchen Anzug er anziehen sollte - oder gar keinen Anzug, sondern besser die schwarze SS-Uniform? Er entschied sich für die Uniform, denn schließlich war das heute ein hochpolitischer Anlaß. Schon möglich, daß die Herren im Generalkommando XVII keine besondere Vorliebe für SS-Uniformen hatten, aber er brachte durch die Uniform zum Ausdruck, daß er nicht als irgendein Geschäftemacher zur Besprechung kam, welcher der Wehrmacht irgendwas andrehen wollte, sondern als Gefolgsmann des Führers, der sein Scherflein zum Endsieg beitragen wollte. Scherflein? Das war wohl allzu bescheiden ausgedrückt.
Während Novotny zu seiner Privatwohnung hinaufstieg, festigte sich in ihm noch die Überzeugung, daß dieser Sonntag, der 10. September 1944, ausersehen war, zu einem bedeutenden Tag in seinem Leben zu werden. Ausersehen, ganz richtig. Wenn sich die Vorsehung des Führers bediente, um ihre Absichten zu verwirklichen - und erst vor knapp zwei Monaten, am 20. Juli, hatte sie ihn wieder einmal vom Tode errettet, um ihn weiter für Deutschland tätig sein zu lassen -, warum sollte sie dann ihr Auge nicht auch auf die Getreuen des Führers haben? Befreite sich die Wehrmacht mit seiner, Novotnys, Hilfe von den Flöhen, Läusen, Filzläusen und Wanzen, die in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß ihre Kampfkraft lähmten, und zog sie so wieder das Kriegsglück auf sich, dann reihte er sich unter die großen Wehrwirtschaftsführer ein. Aber wollte er sich auch - mit einiger Mühe - in die Gedankengänge der Zweifler und Miesmacher versetzen und den Endsieg für unsicher halten - was für enorme Märkte würden sich nach dem Krieg auf jeden Fall für Rigorin eröffnen! Bei den Abermillionen rassisch Minderwertigen nämlich, in Ost und Süd und weißgott wo noch, die ihre Sauwirtschaft notorisch dem Ungeziefer auslieferten. Und sollte das Großdeutsche Reich auch leider darniederliegen und eine Zeit lang als Kreditgeber ausfallen, die Amerikaner würden ihm, Novotny, mit Kreditofferten nachlaufen, damit er sie am gigantischen Rigorin-Geschäft mit den Bloßfüßigen mitnaschen ließe.
Novotny hielt schon die schwarze Hose in der Hand, zögerte aber, sie anzuziehen, weil er, den Vorhang zur Seite geschoben, noch kurz auf den Fabrikshof hinuntersehen wollte. Da wuschen und polierten Wassili und Pjotr, die Ostarbeiter, den schwarzen Horch. Das war von ihnen auch zu verlangen, wenn er, Novotny, schon wie ein Vater zu den Leuten in der Russenbaracke war. Außerdem wurden die beiden von Herrn Stejskal beaufsichtigt. Aber Stejskal hätte nicht Sonntag früh im weißen Mantel dastehen müssen, um Ostarbeiter zu beaufsichtigen. Immerhin stand die Rote Armee schon in Ungarn, und der Stejskal hätte, als weniger korrekter Mensch, schon übermütig sein können. Nein, er wars nicht. Er hatte sogar die Holzgasanlage hinten am Horch, die so leicht rostig wurde, frisch mit Aluminiumbronze anstreichen lassen. Ein Arier eben, Treue um Treue! Es war schon ein richtiger und sehr feiner Schachzug gewesen, den Stejskal, den Spanien-kämpfer und Erzroten, in den Betrieb hereinzunehmen und ihn gegen die Gestapo abzusichern. Der würde einem die humane Gesinnung, die auch in der schwarzen Uniform bewahrte humane Gesinnung bezeugen - im Falle des Falles, bei einer eventuellen Wendung des Blattes, und sollten gar Nachtmann-Erben auftauchen und Verleumdungen auftischen.
Novotny zog den Bauch ein, schnallte den Leibriemen um ein Loch enger, überprüfte den Sitz der Uniform vor dem Spiegel und wischte mit einem Zipfel des Bademantels noch einmal über die blank geputzten Stiefel. Dann ging er ins Schlafzimmer hinüber, um die Aktentasche zu holen; auf Zehenspitzen, denn Nelly schlief noch. Sie sah dabei, den Arm hinter dem Kopf, die rosige linke Brust entblößt, reizend aus. Novotny verstand nicht recht, warum er sich mit der Lukesch von der Füllmaschine etwas anfangen und sie zuguterletzt hatte schwängern müssen. Allerdings war die Lukesch jetzt erst im vierten Monat. In den weiteren fünf Monaten konnte noch viel passieren, und die Geburt des oder der kleinen Novotny (offiziell: des oder der kleinen Lukesch) hatte gute Aussicht, in den weltpolitischen Ereignissen - den erfreulichen oder notfalls auch den unerfreulichen - unterzugehen.
Novotny klemmte die Aktentasche unter den Arm, holte Kanister und Schaukasten aus dem Labor und trat auf den Hof hinaus. Die Russen und Herr Stejskal waren nicht mehr da. Es war 7 Uhr 20. Brauchte er eine halbe Stunde nach Wien und sollte er um zehn im Generalkommando sein, so blieb noch genug Zeit für die Erledigung in der - wie hieß sie? - in der Kurrentgasse. Er sah zufrieden um sich, bevor er die Sachen in den Horch verlud. Sauber und ordentlich sah die Fabrik aus. Schön auch das Fabrikstor mit dem Emblem NNNN in schwungvollen Schmiedeeisen-Buchstaben: Neulengbacher Noricum-Werke Norbert Novotny. Ein ausgesprochener Glücksfall, daß der Vorbesitzer Nathan Nachtmann geheißen hatte. So hatte sich eine Änderung des einprägsamen Firmenzeichens erübrigt, nachdem der Betrieb in arischen Besitz übergegangen war. Dem alten Juden, wenn er jetzt vielleicht an der Seite von Moses oder David thronte, wäre zu vergönnen, die Fabrik in ihrem schmucken Zustand zu sehen; schon dafür, daß er sich anno 39 sang- und klanglos umgebracht und es zu keinerlei Peinlichkeiten und Komplikationen hatte kommen lassen.
Novotny fuhr langsam auf die Allee hinaus, die bald in die Bundesstraße nach Wien einmündete. Sonnendurchleuchtete Nebelschwaden lagen über der Straße und den abgeernteten Feldern. Die Bundesstraße war dann schon nebelfrei, und kurz darauf kam das Schild, welches das Ortsende anzeigte. Novotny beschleunigte das Tempo. Unsichtbar fuhr die Vorsehung mit, er fuhr dem Erfolg entgegen.

Leseprobe

Nach den Schilderungen jener Einwohner von Neulengbach, die bei der Auffindung von Nathan und von Nora Nachtmann zugegen gewesen waren, mußten die Leichen des jüdischen Ehepaares, wie sie da friedlich in den Ehebetten gelegen hatten, genauso ausgesehen haben: ausgezeichnet konserviert, wie lebendig, doch wenn man sie anfaßte, beinhart, wie aus Holz. Nathan Nachtmann in einem hellblau-dunkelblau gestreiften Pyjama, Nora Nachtmann in einem langärmeligen rosa Flanell-Nachthemd mit kleinem Blumenmuster - als könnten sie jeden Augenblick gähnend und blinzelnd aufwachen und nach dem Wecker tasten, um ihn zum Schweigen zu bringen, oder auch nach dem Porzellan-Nachttopf unter dem Bett (ebenfalls mit kleinem Blumenmuster) - doch hölzern starr, wie gesagt, wenn auch etwas elastisch, leicht federnd zum Beispiel die Arme, die Hände und die Finger. Dementsprechend soll es dann auch bei der Ein-äscherung ungewöhnlich zugegangen sein. Nämlich hätten sich die Leichen nicht wie üblich aufgebäumt, aufgebläht oder überhaupt bewegt, sondern wären ohne sich zu rühren mit ruhiger, gleichmäßiger Flamme verbrannt - eben wie Holz.
Genauso, genauso also sahen die Flöhe, Läuse und Wanzen aus, deren Kadaver - aber wie noch lebendig, als könnten sie jederzeit davonkriechen oder -hüpfen - auf den weißen Karton hinter der Glasscheibe geklebt waren; geklebt, weil sie dem usuellen Aufgespießtwerden starken Widerstand geleistet hatten und dabei vielleicht zersplittert wären. Stolz und zufrieden hielt Novotny die kleine Vitrine, den kleinen Schaukasten hoch und betrachtete noch einmal die toten Insekten, ehe er den Schaukasten einpackte. Beim Einpacken überlas er auch noch einmal die Beschriftung, die aussagte, daß die - mit ihren wissenschaftlichen Namen angeführten - Insekten durch eine nur sekundenlange Einwirkung der Dämpfe von Rigorin getötet worden waren. In Ordnung. Den verpackten Schaukasten stellte er dann in eine Ecke des stillen Labors, wo auch schon ein verpackter 10-Liter-Kanister mi
t Rigorin stand. Hübsch, wie die milden Strahlen der frühherbstlichen Morgensonne auf die beiden Pakete fielen.
Danach kratzte Novotny sich das sorgfältig rasierte Doppelkinn und überlegte, welchen Anzug er anziehen sollte - oder gar keinen Anzug, sondern besser die schwarze SS-Uniform? Er entschied sich für die Uniform, denn schließlich war das heute ein hochpolitischer Anlaß. Schon möglich, daß die Herren im Generalkommando XVII keine besondere Vorliebe für SS-Uniformen hatten, aber er brachte durch die Uniform zum Ausdruck, daß er nicht als irgendein Geschäftemacher zur Besprechung kam, welcher der Wehrmacht irgendwas andrehen wollte, sondern als Gefolgsmann des Führers, der sein Scherflein zum Endsieg beitragen wollte. Scherflein? Das war wohl allzu bescheiden ausgedrückt.
Während Novotny zu seiner Privatwohnung hinaufstieg, festigte sich in ihm noch die Überzeugung, daß dieser Sonntag, der 10. September 1944, ausersehen war, zu einem bedeutenden Tag in seinem Leben zu werden. Ausersehen, ganz richtig. Wenn sich die Vorsehung des Führers bediente, um ihre Absichten zu verwirklichen - und erst vor knapp zwei Monaten, am 20. Juli, hatte sie ihn wieder einmal vom Tode errettet, um ihn weiter für Deutschland tätig sein zu lassen -, warum sollte sie dann ihr Auge nicht auch auf die Getreuen des Führers haben? Befreite sich die Wehrmacht mit seiner, Novotnys, Hilfe von den Flöhen, Läusen, Filzläusen und Wanzen, die in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß ihre Kampfkraft lähmten, und zog sie so wieder das Kriegsglück auf sich, dann reihte er sich unter die großen Wehrwirtschaftsführer ein. Aber wollte er sich auch - mit einiger Mühe - in die Gedankengänge der Zweifler und Miesmacher versetzen und den Endsieg für unsicher halten - was für enorme Märkte würden sich nach dem Krieg auf jeden Fall für Rigorin eröffnen! Bei den Abermillionen rassisch Minderwertigen nämlich, in Ost und Süd und weißgott wo noch, die ihre Sauwirtschaft notorisch dem Ungeziefer auslief
erten. Und sollte das Großdeutsche Reich auch leider darniederliegen und eine Zeit lang als Kreditgeber ausfallen, die Amerikaner würden ihm, Novotny, mit Kreditofferten nachlaufen, damit er sie am gigantischen Rigorin-Geschäft mit den Bloßfüßigen mitnaschen ließe.
Novotny hielt schon die schwarze Hose in der Hand, zögerte aber, sie anzuziehen, weil er, den Vorhang zur Seite geschoben, noch kurz auf den Fabrikshof hinuntersehen wollte. Da wuschen und polierten Wassili und Pjotr, die Ostarbeiter, den schwarzen Horch. Das war von ihnen auch zu verlangen, wenn er, Novotny, schon wie ein Vater zu den Leuten in der Russenbaracke war. Außerdem wurden die beiden von Herrn Stejskal beaufsichtigt. Aber Stejskal hätte nicht Sonntag früh im weißen Mantel dastehen müssen, um Ostarbeiter zu beaufsichtigen. Immerhin stand die Rote Armee schon in Ungarn, und der Stejskal hätte, als weniger korrekter Mensch, schon übermütig sein können. Nein, er wars nicht. Er hatte sogar die Holzgasanlage hinten am Horch, die so leicht rostig wurde, frisch mit Aluminiumbronze anstreichen lassen. Ein Arier eben, Treue um Treue! Es war schon ein richtiger und sehr feiner Schachzug gewesen, den Stejskal, den Spanien-kämpfer und Erzroten, in den Betrieb hereinzunehmen und ihn gegen die Gestapo abzusichern. Der würde einem die humane Gesinnung, die auch in der schwarzen Uniform bewahrte humane Gesinnung bezeugen - im Falle des Falles, bei einer eventuellen Wendung des Blattes, und sollten gar Nachtmann-Erben auftauchen und Verleumdungen auftischen.
Novotny zog den Bauch ein, schnallte den Leibriemen um ein Loch enger, überprüfte den Sitz der Uniform vor dem Spiegel und wischte mit einem Zipfel des Bademantels noch einmal über die blank geputzten Stiefel. Dann ging er ins Schlafzimmer hinüber, um die Aktentasche zu holen; auf Zehenspitzen, denn Nelly schlief noch. Sie sah dabei, den Arm hinter dem Kopf, die rosige linke Brust entblößt, reizend aus. Novotny verstand nicht recht, warum er sich mit
der Lukesch von der Füllmaschine etwas anfangen und sie zuguterletzt hatte schwängern müssen. Allerdings war die Lukesch jetzt erst im vierten Monat. In den weiteren fünf Monaten konnte noch viel passieren, und die Geburt des oder der kleinen Novotny (offiziell: des oder der kleinen Lukesch) hatte gute Aussicht, in den weltpolitischen Ereignissen - den erfreulichen oder notfalls auch den unerfreulichen - unterzugehen.
Novotny klemmte die Aktentasche unter den Arm, holte Kanister und Schaukasten aus dem Labor und trat auf den Hof hinaus. Die Russen und Herr Stejskal waren nicht mehr da. Es war 7 Uhr 20. Brauchte er eine halbe Stunde nach Wien und sollte er um zehn im Generalkommando sein, so blieb noch genug Zeit für die Erledigung in der - wie hieß sie? - in der Kurrentgasse. Er sah zufrieden um sich, bevor er die Sachen in den Horch verlud. Sauber und ordentlich sah die Fabrik aus. Schön auch das Fabrikstor mit dem Emblem NNNN in schwungvollen Schmiedeeisen-Buchstaben: Neulengbacher Noricum-Werke Norbert Novotny. Ein ausgesprochener Glücksfall, daß der Vorbesitzer Nathan Nachtmann geheißen hatte. So hatte sich eine Änderung des einprägsamen Firmenzeichens erübrigt, nachdem der Betrieb in arischen Besitz übergegangen war. Dem alten Juden, wenn er jetzt vielleicht an der Seite von Moses oder David thronte, wäre zu vergönnen, die Fabrik in ihrem schmucken Zustand zu sehen; schon dafür, daß er sich anno 39 sang- und klanglos umgebracht und es zu keinerlei Peinlichkeiten und Komplikationen hatte kommen lassen.
Novotny fuhr langsam auf die Allee hinaus, die bald in die Bundesstraße nach Wien einmündete. Sonnendurchleuchtete Nebelschwaden lagen über der Straße und den abgeernteten Feldern. Die Bundesstraße war dann schon nebelfrei, und kurz darauf kam das Schild, welches das Ortsende anzeigte. Novotny beschleunigte das Tempo. Unsichtbar fuhr die Vorsehung mit, er fuhr dem Erfolg entgegen.

Pressestimmen

Ach, wie wird in der österreichischen Literatur doch oft der Zeitgeschichte übel mitgespielt, wenn sich gnadenlose Satiriker ihrer annehmen. Dann verkasperln sie ihr Thema und der Sache ist nicht gedient. Doch der 1989 in Wien verstorbene Alfred Bittner ist anders. Er erzählt eine konventionell gebaute Geschichte aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs - und hat es faustdick hinter den Ohren. Aus der Tragödie eines arisierten Chemiebetriebs formt er eine Groteske, hinter dem Witz verbirgt sich der Aberwitz einer grauenhaften Zeit.
Salzburger Nachrichten

"In Zeiten angestrengter Restitutionsverhandlungen könnte der historisch exakte, aber parodistische Blick auf den letzten Kriegswinter nicht schaden. Nachdenklichkeit und spöttisches Gelächter sind keine unüberwindbaren Gegensätze."
Tiroler Tageszeitung

"'Novotnys Mumie' des 1989 verstorbenen Wiener Lebemanns Alfred Bittner ist eine respektlose Tour de Farce durch das Nazi-Wien im Jahr 1943, der nichts heilig ist. Eine wunderbar erzählte Geschichte, voll groteskem Humor und skurriler Erotik, die ihresgleichen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts sucht ... Ein literarisches Gustostück ..."
Bierstindl Lesetip, Andreas Hauser

"Bittners Erzählung gehört wohl zum Ungewöhnlichsten der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. ... Eine respektlose Farce, mit überquellendem, groteskem Humor und skurrilen Gestalten, leicht altertümelnd, aber umso sauberer erzählt. Ein wahrer Goldfund."
ECHO

"Alfred Bittners Antwort auf eine groteske Zeit ist eine zeitlose Groteske. ... Sicher gefriert dem Leser manchmal das Lachen vor dieser scheinbaren Respektlosigkeit beim Erzählen. Aber ähnlich wie in Gerhard Fritschs 'Fasching' läßt sich große Geschichte am besten in der Nähe genital-absurder Perversion erzählen."
Helmuth Schönauer

"Von einer Wiederentdeckung kann nicht die Rede sein, denn Alfred Bittner, 1989 gestorbener Wiener Autor, brachte e
s nie zu Ruhm. Zu Unrecht, wie sein skurriler Roman 'Novotnys Mumie' zeigt, der dieser Tage im Tiroler Kleinverlag Skarabaeus erschienen ist."
FORMAT

"Der Deserteur Niki trifft auf die jüdische Prostituierte Nanny, beide werden bei Novotnys Witwe Nelly und ihrem Neuen, dem Franzl, einquartiert. Die vier vergnügen sich mit Fressen, Saufen und Vögeln. Dass außerhalb ihrer vier Wände der Krieg tobt, kümmert die Figuren nicht im Geringsten. Schlechter Scherz oder bitterböse Farce? Diese Erzählung ist so seltsam, dass sie auf jeden Fall reizvoll ist."
Falter

"Dieser illusionslose Blick auf die Endphase der Naziherrschaft, der als Gegenpol zum Bösen nicht einfach ein 'Gutes' zuläßt, sondern nur Formen, sich zu arrangieren (es 'sich zu richten'), erinnert ein wenig an Albert Drachs selbstzersetzende Protokolle."
"... eine eigensinnige und eigenständige Stimme wird in dem Buch hörbar, die man nicht einfach spurlos verstummt wissen möchte."
Literatur und Kritik

"Manches ist so traurig und ernst, so unglaublich und unfassbar, dass man sich ihm nur mit einem bitteren Lächeln nähern kann. Um gewisse Tatsachen bewältigen zu können muss man sie skurril und grotesk verpacken (wie ein Schachterlteifi). Nur in dieser Verpackung versteckt verlieren sie ihre Wucht und werden vielleicht verstehbar. 'Novotnys Mumie' ist ein wahnsinniges Panoptikum verschrobener Gestalten, deren Leben taumelnd auf dem Grat zwischen Abgrund und Abgrund tänzeln. Täter und Opfer, Nazis und Widerständler sind jeweils auf ihre Art und Weise 'irre', da eine abartige Ausnahmesituation wie der Krieg zwangsläufig zum 'Irrsinn' führt, sei es aus Machtgier ohne Rücksicht auf Verluste oder dem Drang, den Verbrechensherrschern irgendwie in die Parade fahren zu müssen, koste es was es wolle. Die Erzählung marschiert in einen Bereich, der flankiert wird von Heiterkeit und Schrecken. Wer beim Lesen hell und laut in ein 'HaHa-Lachen'ausbricht hat den schockgefrorenen Humor des B
uches aus dem Land der Berge nicht verstanden. Während der Lektüre ist einzig das tiefe, dunkle, durch Kopfschütteln und -nicken begleitete 'HoHo-Grunzen' angebracht. Wenn's nicht so traurig wär', wär's eigentlich ganz schön lustig."
www.literaturkritik.de


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