"Run Like a Girl" startet direkt mit viel Energie und trägt eine starke, aktuelle Botschaft mit sich - dennoch hat mich dieser YA-Read mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Aber der Reihe nach.Im Mittelpunkt steht Chidera (= Dera), ein Mädchen mit einem großen Traum: Sie will es über den Sport aufs College und bis zur Olympiade schaffen. Leichtathletik ist ihr Halt, ihr Ziel, ihr Antrieb. Als ihre Mutter ihr eröffnet, dass sie vorübergehend zu ihrem entfremdeten Vater nach Texas ziehen muss, bricht für Dera eine Welt zusammen. Vier Stunden entfernt, in einer schicken Villa in Harmony Hills, trifft sie auf einen Vater, den sie kaum kennt ... und auf eine völlig neue Realität.Was mir von Anfang an unglaublich gut gefallen hat, ist der lebendige, moderne, flüssige, wirklich gelungene, rundum mitreißende Schreibstil. Das Buch liest sich locker und leicht, schnell und gleichzeitig auch mit Tiefe - genau so, wie man es sich von einem zeitgemäßen Jugendroman wünscht. Auch das peppig gestaltete Cover mit seinem comicartigen Stil passt perfekt zur Geschichte und spiegelt ihre Energie wunderbar wider.In Harmony Hills stellt Dera schnell fest, dass es für Mädchen kein Laufteam gibt. Also trainiert sie fortan mit den Jungs - und stößt damit bei vielen auf Misstrauen oder direkte Ablehnung. Was in Bezug auf Deras Wesen zunächst nach Mut und Durchhaltevermögen klingt, wird schnell zu einem täglichen Spießrutenlauf: Konfrontationen, Gerüchte, Neid und offenes Mobbing begleiten sie auf jedem Schritt.Hier setzt der Roman an vielen wichtigen Stellen an: Er thematisiert Diversity, kulturelle Unterschiede, Rassismus, Body-Themen wie Körperbau, Haare, etc., Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Das geschieht auf eine sehr zugängliche, greifbare Weise, ohne belehrend zu wirken. Besonders das Thema Mobbing wird ernst genommen und zeigt, wie verletzend und zerstörerisch Worte und Taten sein können.Dera selbst ist eine Kämpferin. Sie gibt nicht auf, sie läuft weiter, sie glaubt an sich, auch wenn alles gegen sie zu sprechen scheint ... das hat mich beeindruckt. Und doch war genau SIE für mich der Knackpunkt dieses Romans. - So nachvollziehbar ihre Gedanken und Ängste auch geschildert werden - als Figur blieb sie mir emotional fern. Dera ist sehr ichbezogen, oft enorm egozentrisch und stellt ihre eigenen Bedürfnisse fast immer über alles andere. (Das wird sogar im Buch mehrfach von anderen Charakteren angesprochen.)Besonders schwierig fand ich ihren Umgang mit dem Thema Mobbing. Dass sie sich wehrt, ist absolut richtig. Doch die Art, wie sie es tut - z.B. indem sie ihrer Widersacherin die Haare abschneidet - wirkte auf mich problematisch und hat bei mir ein ungutes Gefühl hinterlassen Gerade weil sie selbst weiß, wie schmerzhaft so eine Erfahrung ist, hätte ich mir hier eine andere, stärkere, vorbildlichere, sensiblere Lösung gewünscht.Was ich wiederum sehr mochte, war die intensive Schilderung der Familien-Dynamik. Die Beziehung zu ihrem Vater, die langsame, vorsichtige Annäherung, die unausgesprochenen Verletzungen zwischen ihnen allen (Dera & ihrem Vater, ihrem Vater & ihrer Mutter) - all das las sich emotional und glaubwürdig. Mein Highlight: Joyce, die neue Freundin ihres Vaters - so liebenswert, warmherzig, unterstützend und voller Licht. Ohne sie hätte dieses Buch ein Stück Seele verloren.¿¿¿¿¿: Ein wichtiger, dynamisch-kraftvoller Jugendroman mit aktuellen Themen, viel Herz und einem großartigen Schreibstil. Für mich hätte er ein echtes Herzensbuch werden können, wenn ich mich der Hauptfigur emotional näher gefühlt hätte. So bleibt es ein gutes, berührendes Buch mit Luft nach oben, das ich gerne weiterempfehle.