Wenn ich ein Buch mit dem Titel "Bin ich einsam? Die eigene Einsamkeit erforschen und sich wieder verbinden" sehe, dann würde ich auf den ersten Eindruck erwarten, dass es sich um ein sehr persönliches Arbeitsbuch handelt und es im Großteil des Buches um meine eigene Einsamkeit als Leserin geht. So ist es schließlich angekündigt. Auch der Text auf der Rückseite lässt auf so ein Buch schließen.
Tatsächlich handelt es sich aber um etwas anderes: einen großen Teil des Buches nimmt die biographische Geschichte der Patientin "Anna" ein. Wir erfahren ganz viel über Annas Leben und Einsamkeitserfahrungen: von der frühen Kindheit über die Schulzeit, Jugend, das erste Verliebtsein, die Beziehung mit einem Mann, Mutterschaft und später ihre Weiterentwicklung in einer Therapie.
Ergänzend dazu werden verschiedene wissenschaftliche Ansätze zur Erklärung von Einsamkeit vorgestellt: von psychoanalytischen Theorien über die Bindungsforschung und evolutionäre Blickwinkel bis zur Vererbung. Durchaus unterhaltsam lässt die Autorin dabei an mehreren Stellen im Buch Vertreter und Vertreterinnen der verschiedenen Perspektiven miteinander zu dem Thema diskutieren, etwa Charles Darwin, Sigmund Freud, eine Yogalehrerin, eine Unternehmensberaterin und weitere Personen. Hier werden humorvoll, kurzweilig und prägnant die verschiedenen Sichtweisen deutlich.
Schließlich werden noch praktische Ansätze zur therapeutischen Arbeit zum Thema Einsamkeit vorgestellt: eine Therapiegruppe und therapeutisches Schreiben.
Von all dem kann man sich durchaus für die Erforschung der persönlichen Einsamkeit etwas mitnehmen, wenn man in der Lage ist, die allgemeinen Ansätze auf die eigene Situation umzulegen. Konkrete Übungen zur Erforschung der eigenen Einsamkeit finden sich auch noch einige, und zwar auf den Seiten 190 bis 193, ganz am Ende des Buches.
Ich persönlich hätte mir aufgrund der Art, wie das Buch sich nach außen präsentiert, eine viel stärkere Einbindung der Einladung zur persönlichen Reflexion samt Übungen gewünscht, die sich durch das ganze Buch ziehen würde, nicht nur eine kurze Übungsliste ganz am Ende.
So kann ich dieses durchaus interessante und wissenschaftlich fundierte Buch jenen mit Vorkenntnissen in diesem Bereich sehr empfehlen, also Psychologinnen, Therapeuten und anderen professionell Tätigen aus dem psychosozialen Bereich. Für diese ist es eine sehr gute Arbeitsgrundlage und gibt auch gute Ideen für die eigene therapeutische Arbeit mit Einzelnen und Gruppen in diesem Bereich.
Für interessierte Laien könnte es hingegen stellenweise zu theoretisch sein. Wer ein Buch mit vielen persönlichen Übungen und Reflexionsfragen für die individuelle Analyse des eigenen Lebens sucht, wird womöglich nicht ganz glücklich damit werden.