Einmal mehr ein gründlich misslungener Versuch, Conan Doyles kultivierten Mr. Holmes, Superdetektiv, auferstehen zu lassen.
Sherlock Holmes gibt anscheinend immer wieder Anlass dazu neu erfunden zu werden. Doch das eigentliche Sakrileg hat die BBC begangen!Sie hat sich des Ausnahme-Detektivs Sherlock Holmes bemächtigt, geistiges Eigentum seines Schöpfers Sir Arthur Conan Doyle, und ihn flugs ins 21. Jahrhundert versetzt, in dem er zwar nicht seine überragende Deduktionsgabe eingebüßt hat aber doch das Flair des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, das nun einmal untrennbar zu Sherlock Holmes und seiner besonderen Art gehört, auf die er auch die kniffligsten Fälle löst: genaueste Beobachtungsgabe und sehr sachliche und zutreffende Schlussfolgerung daraus. Der Rest ist Hand(langer)arbeit.In der allseits gefeierten, für mich aber kritisch zu sehenden BBC-Version bekam der kluge Detektiv das Hilfsmittel moderne Medien in die Hand.Beate Baum, Autorin der vorliegenden Adaption, erweitert dies noch durch Sherlocks Besessenheit und hemmungs- und gewissenlose Nutzung des Social Media Portals Facebook. Nun gut, das ist alles legitim, Adaptionen denken Originalgeschichten/-bücher weiter und verändern sie, je nach Gusto. Verändern sie teilweise so, dass man das Original kaum wiedererkennt, weil es plötzlich mit ganz neuen Zügen ausgestattet ist.Das mag manchmal mehr, manchmal weniger gelingen und ist auf jeden Fall ein Tanz auf dünnem Eis. Auf Beate Baums Eis bin ich eingebrochen und, um im Bilde zu bleiben, in dem darunter liegenden trüben Gewässer beinahe ertrunken.Nein, er gefällt mir nicht, dieser Sherlock Holmes, der da wie ein hyperaktives Huhn durch London hetzt und mich als Leserin sowie alle Figuren des Romans, darunter auch die, die Dr. John Watson, Mycroft Holmes und Inspector Lestrange nachempfunden sein sollen, von einem Ärgernis ins nächste stürzt. Er weist auffallend autistische Züge auf, ist irritierend neunmalklug, völlig unemotional, kalt-ironisch und gleichzeitig respektlos und ungezogen. Welch ein Unterschied zu dem zwar selbstbewusst-arroganten, aber doch wohlerzogenen und vor allem wissenschaftlich-neutral auftretenden Doyleschen Original, der mit Freund Watson auf freundschaftlichem Fuße steht. Und auch der gebildete, stets liebenswürdige, ruhige, pragmatische Arzt, Chronist der Holmes-Geschichten, erhält von der Autorin die Züge eines dauergrantigen, schlecht gelaunten Mannes, der einen fortwährenden Groll gegen seinen Freund Holmes hegt. Freunde? Nein, das sind sie in vorliegendem Roman gewiss nicht!Die Handlung, in der Beate Baums flegelhafter Detektiv mit der - und dies ist tatsächlich wie im Original - ungesunden Gesichtsfarbe, auf die immer wieder hingewiesen wird, und der Neigung zum Drogenkonsum ( im Original war es, wie man weiß, Morphium ) seine Auferstehung feiert, ist unglücklicherweise auch nicht dazu angetan, mich zu einer positiveren Sichtweise zu veranlassen. Die Fälle, derer sich Sherlock annimmt, tragen sich im Obdachlosenumfeld zu: Todesfälle, die anfangs natürlich erscheinen, es aber ganz und gar nicht sind. Jemand, der ganz bestimmte Zwecke verfolgt, scheint nachgeholfen zu haben. Nur wird dieser Jemand dann selber tot aufgefunden.... Doch Sherlock wäre nicht Sherlock - gleich, ob bei Beate Baum oder bei Sir Arthur Conan Doyle - , wenn er nicht sehr bald Antworten fände, die direkt zur Auflösung der Geschichte führen würden.Das Ermitteln des Herrn Holmes empfand ich als umständlich, verwunden und ohne Spannung, als ärgerlich sogar, da er, wie schon angedeutet, in keiner Weise jemand ist, den man verstehen oder mögen könnte. Ja, ich bin in der Tat ein eingefleischter Fan des Original-Sherlocks!Ich finde ihn komplex, dabei vielschichtig und sehr glaubhaft. So, wie ihn Conan Doyle kreiert hat, ist er perfekt und hat es nicht nötig, in anderer Form, mit anderen Aspekten oder sogar als Persiflage zurück ins Leben gerufen zu werden. Wobei ich auch hierbei immer bereit bin, von meinen Ansichten abzugehen, käme denn jemand mit einer vielleicht ganz anderen, aber pfiffigen, stimmigen, mich rundherum überzeugenden und meine Neugierde anstachelnden Adaptions-Version des berühmten Detektivs. Bislang ist mir jedenfalls noch keine auf den Schreibtisch gekommen - und während immer weiter neue Sherlock-Geschichten ersonnen werden, gewinnt der alte, der wahre, der Doylesche Privatdetektiv immer mehr an Format....