
Besprechung vom 31.12.2025
Die Echsenwesen und der Schädel des Entdeckers
Wenn wir ganz nach Norden kommen, was finden wir dort vor? Der französische Autor Charles Derennes begab sich 1907 auf die Spuren von Jules Verne und schrieb den Roman "Ungeheuer am Nordpol", der nun in deutscher Erstübersetzung vorliegt. Können wir daraus lernen?
Endlich ist es dem französischen Abenteurer gelungen, in die Höhlenwelt unter dem Nordpol zu gelangen. Dafür hatte er sich gemeinsam mit dem Ingenieur Ceintras, seinem einzigen Gefährten auf der Expedition in die Arktis, unter einem Berg frischgefangener Fische versteckt und von den Reptilienwesen, die in dieser Welt heimisch sind, in den Untergrund bringen lassen.
Nun irren die beiden Franzosen im Höhlensystem herum, gewinnen Einblicke in eine ganz fremde Zivilisation, die Stahl kennt, Magnetismus und Elektrizität, aber offenbar keine Kunst und Kultur im menschlichen Sinn, die ihren Nachwuchs reptiliengemäß ausbrütet und überzählige oder schwächliche Kinder dem allgemeinen Verzehr überantwortet - auch Alte scheint es hier nur als Ausnahmen zu geben. Nach einigen Tagen schließlich gelangen die beiden Forscher in einen abgelegenen Bereich. Dort ist in einer Höhlenwand eine seitliche Grube mit einem Gitter abgetrennt, dahinter ruht der Motor des Ballons, mit dem die Abenteurer einige Tage zuvor angekommen waren und der ihnen dann gestohlen wurde. Hier ist er aufgestellt wie in einem Museum, als Zeugnis einer fremden Kultur.
Und noch etwas wird dort gezeigt: ein menschlicher Schädel, umgeben von weiteren Artefakten - ein Kompass, ein Messer, Reste einer Ballonhülle -, die von einer früheren Polarexpedition stammen mussten. Der Anblick erschüttert den zuvor so gefestigten Abenteurer Jean-Louis de Vénasque, weiß er doch, wessen Ende hier ausgestellt wird: "Andrée", sagt er noch, dann geht er zu Boden.
Die Leser von Charles Derennes' Roman "Le Peuple du Pôle", erschienen 1907, wussten wahrscheinlich alle, welches Rätsel er mit dieser Szene zu lösen beanspruchte. Exakt zehn Jahre zuvor war der schwedische Ingenieur Salomon August Andrée in Begleitung zweier Gefährten und vor den Augen zahlreicher Journalisten mit dem von ihm entworfenen steuerbaren Ballon "Örnen" (Adler) im Nordwesten Spitzbergens aufgestiegen, um, wie er berechnet hatte, in wenigen Tagen als erster Mensch überhaupt den Nordpol zu erreichen.
Bald kamen keine Nachrichten (via Brieftauben und Bojen) mehr in den Süden, und das Rätsel, was aus der sehr gut ausgerüsteten Expedition geworden war, fand sich ausgiebig in den Journalen der Jahrhundertwende diskutiert. Gelöst wurde es erst 1930, gut drei Monate nach dem Tod des Autors Derennes, dessen Romanversion von 1907 also zu Lebzeiten unwidersprochen blieb. Dann aber entdeckte man den letzten Lagerplatz von Andrées Team auf der unwirtlichen Insel Kvitøya, die zu Spitzbergen gehört, und die Leichen der offenbar bereits im Oktober 1897 zu Tode gekommenen Abenteurer.
Derennes' Roman hatte also die Freiheit, über Andrées Schicksal zu verfügen, so wie sich das Buch des 1882 geborenen Autors auch in anderen Bereichen deutlich an der schwedischen Expedition orientiert, nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in der Konstellation der Protagonisten: Ein Ingenieur, der hier Ceintras heißt, hat einen Ballon entwickelt, von dem er sich Weltruhm als Entdecker verspricht, und sucht sich dafür einen enthusiastischen Geldgeber, in diesem Fall sein Schulfreund Vénasque aus altem Adel - Andrée wurde unter anderem vom norwegischen König Oskar II. unterstützt.
Die eigentliche Geschichte wird dem Erzähler einer Rahmenhandlung über einen befreundeten Naturforscher vermittelt, der sie als fragmentarisches Manuskript, verfasst von Vénasque, in einem auf dem Wasser treibenden Benzinkanister gefunden haben will. Dieser Naturforscher hat außerdem ein Skelett im Gepäck, dass er im arktischen Russland entdeckt hat - eine unbekannte Art zwischen Reptilie und Mensch, die ihr Entdecker "Anthroposaurus" tauft.
Derennes erweist sich mit seinem Roman durchaus als Schüler Jules Vernes, indem er vor dem Hintergrund der technischen und naturkundlichen Möglichkeiten seiner Zeit einen Text verfasst, der diese Fäden weiterspinnt. Gleich zu Beginn lässt er seinen Erzähler, einen Schriftsteller, über die Wissenschaften seiner Zeit nachdenken: "Die Menschheit schreitet voran, doch schreitet sie auf gut Glück voran, und mit einem Schlag enthüllen sich ihr völlig ungeahnte Horizonte; Hypothesen, auf die man sich in seinen geheimsten Träumen kaum zu stützen wagte, verwandeln sich plötzlich in objektiv unbestreitbare Fakten." Dabei sei besonders auf die Perfektionierung wissenschaftlicher Instrumente zu bauen, und mit Blick auf das neunzehnte Jahrhundert, auf die Erfindung von Fotografie und Röntgengeräte, versteht man diesen Optimismus gut.
Für den Romancier im Genre wissenschaftsbasierter Romane bedeutet es zugleich, dass, wenn nichts als völlig unmöglich gelten kann, eben auch alles möglich ist, wenn es nur einigermaßen wahrscheinlich gemacht werden kann - diese erzählerische Funktion hat der Rahmen zu Derennes' Roman, der in diesem Jahr erstmals auf Deutsch erschienen ist. Dass er dabei den Titel "Ungeheuer am Nordpol" erhalten hat, der das neutrale polare "Volk" in die Richtung von Monstern rückt, ist schade für eine Unternehmung, die man sonst nur begrüßen kann. Die Übersetzungsentscheidung lenkt allerdings den Blick auf eine Strömung, die den Roman tatsächlich durchzieht. Denn die beiden Menschen, die, zur Landung gezwungen durch einen starken Magneten, den Echsenwesen am Pol begegnen, sind zwar neugierig auf die Lebensumstände dieses Volks, erweisen ihm aber kaum Respekt, was Vénasque immerhin noch am Verhalten seines Mitreisenden moniert. Derennes zeigt ziemlich klar auf, woraus sich Kolonialismus speist, und die empfundene Differenz zu den Bewohnern des Pols spielt dabei keine kleine Rolle.
Während Vénasque in einer entscheidenden Szene aus Abscheu eines der Echsenwesen, das ihm offenbar freundlich entgegengekommen war, empfindlich verletzt, geht Ceintras noch weiter: Unter den friedlichen Polarleuten richtet er ein Blutbad an. Das sei nicht nur unnötig und grausam, findet sein Gefährte, sondern auch unklug - schließlich bringe er damit das Echsenvolk auf Gedanken, die sich später einmal in einer größeren Wehrhaftigkeit niederschlagen könnten.
Man sollte den Bericht, der über den Ozean nach Europa gekommen sei, nicht allzu wörtlich nehmen, heißt es in einem Epilog, der auf Zeichen geistiger Verwirrung verweist, die sich im Manuskript finden. Das hätte es nicht gebraucht, die Zeichen sind deutlich. Den Drang seiner Zeitgenossen zum Pol scheint das Buch nicht gemindert zu haben. In der Arktis zu tun, was einem gutdünkt, leider auch nicht. TILMAN SPRECKELSEN
Charles Derennes: "Ungeheuer am Nordpol". Roman.
Aus dem Französischen von Dieter Meier. Flur Verlag, Heidelberg 2025. 256 S., Abb., br.
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