In einem dichten Science-Fiction-Thriller kämpft eine Agentin gegen die Zeit und gegen die Folgen jeder noch so kleinen Veränderung
Mit Time Shifter entwirft Davide Morosinotto ein spannungsorientiertes Science-Fiction-Szenario, das eine hochaktuelle ethische Fragestellung in den Mittelpunkt stellt: Was wäre, wenn sich katastrophale Ereignisse durch einen Eingriff in die Vergangenheit verhindern ließen? Ausgangspunkt ist ein fiktiver Schulanschlag in Bologna, dessen Folgen durch eine geheime Organisation, die sogenannten Time Shifters, rückgängig gemacht werden sollen. Der Agentin Micaela bleiben 24 Stunden, um die Tat zu verhindern - doch der Roman macht früh deutlich, dass Zeit nicht beliebig manipulierbar ist.Die Handlung wird über mehrere Erzählstränge und Perspektiven entfaltet. Neben Micaelas Mission begleiten Leserinnen und Leser zwei Schüler der betroffenen Schule sowie weitere Figuren, deren Handlungen zeitlich vor und nach der Explosion angesiedelt sind. Diese Struktur erzeugt eine hohe narrative Dichte und einen konstanten Spannungsbogen, erfordert jedoch eine erhöhte Aufmerksamkeit, da die Zeitebenen eng ineinandergreifen. Kapitelüberschriften mit Uhrzeit und Datum unterstützen die Orientierung, können die Komplexität jedoch nicht vollständig auflösen.Der Schreibstil ist bewusst knapp, präzise und funktional gehalten. Morosinotto verzichtet weitgehend auf poetische Ausschmückung zugunsten eines schnellen Erzähltempos, das an filmische Dramaturgien erinnert. Diese Stilentscheidung verstärkt die Spannung, geht jedoch zulasten der emotionalen Tiefe. Die Figuren bleiben insgesamt eher schematisch; innere Konflikte und biografische Hintergründe werden nur angedeutet. Besonders die Protagonistin Micaela wirkt trotz ihrer zentralen Rolle distanziert und emotional zurückgenommen, was die Identifikation erschwert.Didaktisch interessant ist vor allem die ethische Dimension des Romans. Time Shifter stellt implizit Fragen nach Verantwortung, Schuld und den unvorhersehbaren Folgen menschlichen Handelns. Der Text verweist auf das Prinzip des Schmetterlingseffekts und problematisiert die Vorstellung, Vergangenheit ließe sich kontrolliert korrigieren. Auch gesellschaftliche Aspekte wie Radikalisierung, Gewaltprävention und die Komplexität jugendlicher Lebensrealitäten werden angerissen, ohne vertieft ausgearbeitet zu werden.Insgesamt ist Time Shifter ein spannungsreicher, konzeptionell interessanter Roman, der insbesondere durch seine Idee und narrative Struktur überzeugt. Für den pädagogischen Kontext eignet sich das Buch vor allem als Impulsgeber für Diskussionen über Zeitethik, Kausalität und moralische Entscheidungsfindung, weniger jedoch als tiefenpsychologische Figurenstudie. Seine Stärken liegen klar im Plot und in der gedanklichen Provokation, nicht in emotionaler Ausarbeitung.