Man schlägt dieses Buch auf und merkt schnell: Das ist kein gemütlicher Kunstband zum Durchblättern, sondern ein leiser Schlag in die Magengrube. Formen der Anpassung schaut nicht weg, beschönigt nichts und macht trotzdem etwas Seltenes es erklärt. Ruhig, präzise und mit einem Blick, der Design ernst nimmt, ohne es aus der Geschichte herauszulösen.
Zwischen Keramik, Glas, Möbeln und Goldschmiedearbeiten entfaltet sich ein Panorama, das zeigt, wie tief das NS-Regime in Alltagsästhetik eingriff. Nicht plump, nicht mit dem Holzhammer, sondern über Materialfragen, Produktionsbedingungen und scheinbar harmlose Formentscheidungen. Genau da wird es unangenehm spannend. Wie viel Ideologie passt in eine Teekanne? Offenbar mehr, als man beim morgendlichen Kaffee wahrhaben will.
Der große Reiz des Buches liegt in dieser Mischung aus Bildmacht und analytischer Schärfe. Die Abbildungen sind stark, manchmal fast schön und genau das ist der Moment, in dem man innerlich kurz stockt. Darf das gefallen? Diese Reibung lässt einen nicht los und macht die Lektüre so wertvoll. Frank Werner vertraut darauf, dass Leser selbst denken können, statt ihnen fertige Urteile hinzustellen.
Besonders gelungen ist der Fokus auf angewandte Kunst. Kein elitäres Museumsdenken, sondern Gegenstände, die benutzt, angefasst, geliebt wurden. Dass gerade das Handwerk ideologisch aufgeladen und aufgewertet wurde, bekommt hier Gewicht und Tiefe. Namen wie Wagenfeld oder Gretsch erscheinen plötzlich in einem größeren, unbequemeren Zusammenhang.
Klar, das Buch fordert Konzentration. Das ist nichts für schnelle Seiten zwischendurch. Aber wer sich darauf einlässt, wird belohnt mit Erkenntnissen, die bleiben. Ein kluger, sauber recherchierter und visuell beeindruckender Band, der zeigt, wie politisch Form sein kann und warum Wegsehen nie eine gute Designentscheidung ist.