
Besprechung vom 15.07.2025
Porträt einer Gesellschaft im Krieg
Ein lesenswerter Sammelband über die Ukraine als Schauplatz der Freiheit hilft, die Entwicklung des Landes seit den Neunzigerjahren zu verstehen.
Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor drei Jahren ist das Land in den deutschen Medien allgegenwärtig. Die Nachrichten über die allnächtlichen Luftangriffe des Aggressors, über die schweren Kämpfe an der Front, über Tote, Verletzte, Zerstörungen und Waffenlieferungen zeigen die Ukraine als Kriegsschauplatz. Mit dem Buchtitel "Freiheitsschauplatz" für einen Sammelband über die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Ukraine in den fast dreieinhalb Jahrzehnten seit Erlangung der Unabhängigkeit will die Herausgeberin Susann Worschech einen Kontrapunkt zu diesem Begriff setzen: "Der russische Angriffskrieg hat eine lange Vorgeschichte, und diese besteht im Kern aus der Unvereinbarkeit des ukrainischen Freiheitswillens mit imperialen russischen Machtphantasien", schreibt sie in der Einleitung.
Im Untertitel verspricht das als erster Titel einer neuen Reihe interdisziplinärer Ukraine-Studien erschienene Buch ein "Gesellschaftsportrait der Ukraine". Diesem Anspruch wird der Band gerecht. Der Herausgeberin und den Autoren geht es darum, "ukrainische Phänomene nicht 'in Ableitung' von Russland, dem Sowjetischen oder Postsowjetischen zu betrachten, sondern von ukrainischer Eigenständigkeit und Eigengeschichtlichkeit als Grundprämisse auszugehen", schreibt Worschech. Das ist ein für die Wahrnehmung des Landes in der deutschen Öffentlichkeit wichtiger Perspektivwechsel angesichts der Tatsache, dass selbst jetzt noch Publizisten und Politikwissenschaftler mit großer Medienpräsenz (aber ohne Osteuropakenntnis) und Politiker hinter dem brutalen imperialen Vorgehen des Kremls berechtigte russische Ansprüche zu erkennen meinen.
Diese klare Parteinahme des deutsch-ukrainischen Autorenteams für die Ukraine geht mit einem kritischen Blick auf das Land einher. In den einzelnen Kapiteln werden die Widersprüche und Verwerfungen eines Landes in Transformation beschrieben. Sie zeigen auf ganz unterschiedlichen Ebenen, wie die Ukraine in schweren innenpolitischen Auseinandersetzungen und unter den Bedingungen eines Angriffs von außen langsam zu ihrer Identität gefunden hat.
Dabei wird immer wieder deutlich, welchen Einschnitt der vollumfängliche Krieg Russlands für die innere Entwicklung der Ukraine darstellt. So brach angesichts der russischen Invasion der politische Einfluss jener Oligarchen zusammen, die bis dahin im Zentrum aller politischen Auseinandersetzungen standen. Ihre heftigen Kämpfe untereinander verhinderten die Errichtung eines autoritären Regimes mit einem einzigen Machtzentrum. Die Revolutionen 2004 und 2014 richteten sich gegen ihre - zeitweise erfolgreichen - Versuche, einen formal demokratischen Staat zu kapern, hatten ihre Position aber allenfalls geschwächt.
Mit dem Beginn des groß angelegten russischen Angriffskriegs stiegen in der Bevölkerung die Zustimmung zur Westintegration und zur Demokratie sprungartig auf mehr als neunzig Prozent. Gleichzeitig aber werden durch die von allen wesentlichen Kräften getragene Verhängung des Kriegsrechts demokratische Freiheiten eingeschränkt - mit potentiell negativen Auswirkungen.
Wie sich die ukrainische Gesellschaft im Abwehrkampf gegen Russland konsolidiert hat, wird anschaulich im Kapitel über "Gedenkkultur(en) und Erinnerungspolitik". Über wenig anderes waren sich die Ukrainer in den vergangenen Jahren so uneins wie über den Blick auf die eigene Geschichte. Der "Erinnerungskrieg" (so der Begriff im Buch) zwischen sowjetisch geprägten und nationalukrainischen Narrativen scheint beendet zu sein. In allen Landesteilen wird die Sowjetunion inzwischen von einer klaren Mehrheit negativ bewertet.
In der Wirtschaft brachte der russische Angriff die Ukraine um die Früchte der fundamentalen Reformen, die seit der Revolution 2014 in Angriff genommen worden waren. Die ersten anderthalb Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion waren für das Land wirtschaftlich eine verlorene Zeit, geprägt vom Fehlen stabiler rechtlicher und institutioneller Rahmenbedingungen und durch heftige Kämpfe oligarchischer Gruppen um das Eigentum an Industriebetrieben.
Ein erster Reformschub begann nach der Orangen Revolution 2004, doch waren die inneren und äußeren Umstände widrig: Die Finanzkrise 2008/09 traf die Ukraine stark, und der 2010 gewählte Präsident Viktor Janukowitsch beendete den Reformkurs ganz - zugunsten des Zugriffs oligarchischer Seilschaften auf die Wirtschaft. Nach seinem Sturz in der "Revolution der Würde" 2014 machte die Ukraine dann trotz des Kriegs im Donbass bedeutende Fortschritte - und hatte bis zum großen Krieg trotzdem das wirtschaftliche Niveau des Jahres 1990 noch nicht wieder erreicht.
Der Krieg zeigte indes, dass viele der Reformen im Finanz- und Energiesektor tatsächlich gegriffen hatten. Sie trügen, heißt es im Kapitel über die ökonomische Transformation, zur Widerstandsfähigkeit der Ukraine bei. Das Gleiche gilt auch für die Dezentralisierung und Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung seit 2014. Über sie heißt es in einem Beitrag über die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie, sie sei "ein wichtiger Faktor bei der Verteidigung der Ukraine" und der "Aufrechterhaltung staatlicher Dienstleistungen sowie des gesellschaftlichen Lebens unter den Bedingungen eines Angriffs- und Vernichtungskriegs" geworden.
Ein weiterer Faktor der Resilienz sind die Entwicklung der IT-Branche und die weit gediehene Digitalisierung staatlicher Funktionen, denen ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Vor dem russischen Überfall trug die IT-Branche zum Wachstum einer neuen Mittelschicht bei, unter den Bedingungen des Kriegs gehört sie zu den wenigen Sektoren, die weiter wachsen konnten. Die von vielen kleinen Unternehmen geprägte Branche erwies sich als Motor der oftmals kreativen Modernisierung der ukrainischen Verteidigungskräfte. Zudem seien IT-Unternehmen überdurchschnittlich aktiv bei der Mobilisierung von Spenden für die Armee und humanitäre Organisationen, heißt es in dem Beitrag: Solche Initiativen hätten sich "zu einem neuen Standard sozialer Verantwortung von Unternehmen" entwickelt.
Der davon ausgehenden Modernisierung stehen freilich konservierte Sozialstrukturen und Kräfte der Beharrung gegenüber, wie an den Kapiteln über Arbeitsmarkt, Sozialstruktur und Genderfragen deutlich wird. Allerdings wird die ukrainische Gesellschaft durch den Krieg mit noch nicht absehbaren Folgen durcheinandergewirbelt - nicht zuletzt durch Flucht und Migration innerhalb des Landes und ins Ausland. REINHARD VESER
Susann Worschech (Hrsg.): Freiheitsschauplatz. Ein Gesellschaftsportrait der Ukraine.
Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2025. 325 S.
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