Ein Muss
Ich muss sagen, 1984 hat mich wirklich umgehauen. Anfangs habe ich das Buch allerdings missverstanden, weil ich den ersten Teil als recht langweilig empfand. Ich konnte mich in die Hauptfigur Winston Smith überhaupt nicht hineinversetzen. Er wirkte auf mich eher distanziert und schwer greifbar, sodass ich keine Bindung zu ihm aufbauen konnte.Der Fehler lag aber nicht an der Erzählweise, sondern bei mir. Ab dem zweiten Teil begann ich, das Buch besser zu verstehen, und im dritten Teil wurde mir dann endgültig klar, warum es einen beinahe makellosen Ruf hat - daher auch meine Bewertung von fünf Sternen.Im ersten Teil lernen wir die Partei kennen: ein System mit einer völlig eigenen Denkweise, eine Diktatur mit monotoner, strikt vorgegebener Lebensweise. Selbst die Sprache wird kontrolliert - durch "Neusprech", das gezielt Wörter aus dem Wortschatz entfernt, um das Denken zu beeinflussen und kritische Gedanken unmöglich zu machen. Diese Idee wirkt deshalb so eindringlich, weil sie nicht rein fiktiv erscheint. Formen von Kontrolle, Propaganda und gelenktem Denken gab es schon lange vor unserer Zeit. Betrachtet man etwa das Römische Reich, das vor rund zweitausend Jahren seine Blütezeit erlebte, oder das Achämenidenreich, das bereits etwa 550 v. Chr. entstand, sowie das noch ältere Altes Ägypten, dessen Geschichte über drei Jahrtausende zurückreicht, erkennt man, dass Machtstrukturen und der Einfluss auf Denken und Gesellschaft keine neuen Phänomene sind.Im zweiten Teil kommt die menschliche Komponente hinzu: Winston verliebt sich in Julia. Die Beziehung ist verboten, und beide erkennen, wie sehr sie das vorgeschriebene Leben hassen. Sie lehnen sich innerlich gegen die Partei auf und träumen davon, Teil einer "Bruderschaft" zu werden - eines möglichen Widerstands, von dem niemand sicher weiß, ob es ihn überhaupt gibt. Wir erleben hier andere Werte, den Drang nach Freiheit, nach Selbstbestimmung und danach, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. Gleichzeitig zeigt der Roman aber auch, wie viel Kraft es einem Menschen geben kann, nicht mehr allein zu sein, sondern zu zweit, und was Liebe bewirken kann, aber auch, wie blind sie machen kann. Der Übergang vom nüchternen ersten Teil zur emotionalen Tiefe im zweiten ist ein äußerst geschickter erzählerischer Schachzug.Auch O'Brien tritt hier stärker in Erscheinung und ist für mich einer der gefährlichsten Charaktere des Buches. Ohne zu viel vorwegzunehmen, lässt sich sagen, dass er eine Position vertritt, die die Ideologie der Partei in ihrer reinsten und zugleich erschreckendsten Form widerspiegelt.Im dritten Teil erleben wir schließlich kein Happy End, sondern eine schonungslose Konsequenz. Winston und Julia werden gefangen genommen und "umerzogen", und diese Umerziehung funktioniert. Winston wird gebrochen. Er wird zu dem Menschen, den die Partei aus ihm machen will, bis er am Ende sogar den Big Brother liebt.Für mich ist dieses Buch ein absolutes Meisterwerk, das zeitlos ist und unabhängig von der Epoche, auf die man blickt, immer eine beklemmende Aktualität besitzt.Zum Abschluss noch mein Lieblingszitat aus dem Buch:"Man errichtet keine Diktatur, um eine Revolution zu verhindern. Man macht die Revolution, um die Diktatur zu errichten. Das Ziel von Verfolgung ist Verfolgung. Das Ziel von Folter ist Folter. Das Ziel von Macht ist Macht."