Heinrich Manns "Der Untertan" ist ein satirischer Gesellschaftsroman über Diederich Heßling, einen ängstlichen, machtgläubigen Fabrikantensohn, der sich durch Unterwürfigkeit nach oben und Brutalität nach unten zum Musterbürger des wilhelminischen Kaiserreichs formt. Mit schneidender Ironie, grotesker Zuspitzung und präziser Milieubeobachtung entlarvt Mann Militarismus, Nationalismus, Klassenhochmut und autoritäre Charakterbildung. Der Roman steht im Kontext der politischen Moderne vor dem Ersten Weltkrieg und verbindet realistische Erzähltechnik mit moralischer Anklage. Heinrich Mann, 1871 in Lübeck geboren, entwickelte früh eine kritische Distanz zur bürgerlichen Selbstzufriedenheit seiner Herkunftswelt. Anders als viele Zeitgenossen verstand er Literatur ausdrücklich als Intervention in gesellschaftliche Machtverhältnisse. Seine Bewunderung für französische Aufklärung, Republikanismus und Émile Zola, ebenso seine Ablehnung des deutschen Obrigkeitsstaates, prägten die Entstehung dieses Romans, der bereits vor 1914 die geistigen Voraussetzungen der kommenden Katastrophe diagnostizierte. Dieses Buch empfiehlt sich allen Leserinnen und Lesern, die verstehen wollen, wie politische Hörigkeit, soziale Anpassung und opportunistische Moral ineinandergreifen. "Der Untertan" ist nicht nur ein Schlüsselwerk der deutschen Literatur, sondern auch eine bis heute beunruhigend aktuelle Studie über Autoritarismus und Mitläufertum.