Ich habe schon alle vorherigen Bücher von Jana Martin gelesen und war gespannt: Kann sie ihre eigene Messlatte überhaupt noch höher legen? Ja, definitiv! Die Antwort liefert Unter Wölfen eindrucksvoll und schonungslos: Dieses Buch ist eine Wucht und gehört für mich zu den Top 10 der Lese-Highlights des Jahres.
Schon der Prolog hat mich direkt und ohne Umschweife in die absolute Finsternis katapultiert. Es geht rasant, schonungslos und mit Szenen, die nichts für schwache Nerven sind, los.
Die Hauptprotagonistin, die erst achtzehnjährige Alina, gerät in die Fänge eines Menschenhändlerrings. Ihre Hölle aus Gewalt, Erniedrigung und Zwangsprostitution wird von Jana Martin mit einer bildhaften und fesselnden Sprachgewalt beschrieben, die die düstere Stimmung der Handlung beängstigend greifbar macht. Was diesen Thriller so intensiv macht, ist der Perspektivwechsel. Durch die Erzählung aus der Sicht diverser Protagonisten ist man fast hautnah bei Alinas Qualen, den Zweifeln der Ermittler und der skrupellosen Kaltblütigkeit der Täter dabei. Man fühlt die Verzweiflung, die Wut und das Leid, was ein zutiefst emotionales Leseerlebnis schafft.
Alina ist eine unglaublich starke und glaubwürdige Figur. Im Laufe der Geschichte wird sie mehrfach gezwungen, Grenzen zu überschreiten, sodass ich immerzu fragte: Mag ich diese Frau, die Vergeltung fordert und für Gerechtigkeit zur Wölfin wird? Aber vielleicht gerade deshalb, weil sie so authentisch, widersprüchlich und menschlich gezeichnet ist wie auch die Nebenfiguren, welche, jede mit eigenen Abgründen und Motiven, hervorragend ausgearbeitet sind. Ich war hin und hergerissen, aber genau diese moralische Grauzone ist die große Stärke des Buches. Die Autorin stellt ihre Leserschaft knallhart vor die Frage, wo die Grenze zwischen Recht und Gerechtigkeit verläuft, und ob man in einem kompromisslosen System, das Menschen bricht, nicht selbst kompromisslos werden muss, um zu überleben.
Das Buch ist vom Anfang bis zum Ende ein Hochgenuss an Spannung. Die Geschichte ist gespickt mit überraschenden Wendungen und nichts ist vorhersehbar. Die Gewaltszenen sind teilweise sehr detailliert beschrieben ein stilistischer Kniff, der die Härte der Story unterstreicht und einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ich durchlebte beim Lesen eine wahre Gefühlsachterbahn: von Gänsehaut über Anhalten der Luft bis hin zu Fassungslosigkeit und Tränen in den Augen angesichts der menschlichen Abgründe. Es lässt mich das Leid, die Angst, aber auch den unbändigen Überlebenswillen ihrer Figuren fast körperlich spüren.
Und das grandiose Finale?. Es ist hart, konsequent und lässt keine Zweifel offen. Ein Abschluss, dem ich zu fast 100% zustimme. Hier kann es nur eine Leseempfehlung mit geben.