Man stelle sich vor: Ein Anwalt betritt den Gerichtssaal, und die Gegner internationale Großkanzleien mit Tausenden von Anwälten zittern. Man stelle sich vor: Dieser Anwalt führt über hundert Prozesse gegen Facebook, Google und Twitter und gewinnt über 90 Prozent von ihnen. Man stelle sich vor: Er schreibt ein Buch darüber, und es liest sich wie ein Krimi, nur dass alles wahr ist.
Das ist Joachim Nikolaus Steinhöfel. Und das ist "Die digitale Bevormundung".
Horst Karasek, der große Literaturkritiker des "Spiegel", hätte dieses Buch geliebt. Er hätte es als das bezeichnet, was es ist: eine Anklageschrift mit Witz, Wut und Wortgewalt. Steinhöfel schreibt nicht wie ein Jurist, der Paragrafen wälzt er schreibt wie ein Feldherr, der seine Schlachten schildert. Mal sarkastisch, mal empört, aber immer unterhaltsam. Dass er Cicero, Karl Kraus und Mark Twain zitiert, gibt dem Ganzen einen literarischen Anstrich, der weit über das übliche Sachbuch hinausgeht.
Der Autor selbst ist die Hauptfigur dieses Buches und das ist gut so. Er erzählt von Richterinnen im trägerlosen Unterhemd, von Schriftsätzen, die drei Leitz-Ordner füllen, und von Algorithmen, die Heinrich-Heine-Zitate als "Hassrede" löschen. Man lacht, man ärgert sich, man schüttelt den Kopf. Und man fragt sich: Wie konnte es so weit kommen?
Steinhöfels große Kunst ist es, komplexe Rechtsfragen so aufzubereiten, dass selbst juristische Laien mitfiebern. Das Buch ist kein trockenes Lehrbuch, sondern ein lebendiger Erfahrungsbericht eines Mannes, der sich nicht unterkriegen lässt. Die Fallbeispiele von gelöschten Bundestagspetitionen über gesperrte Peanuts-Cartoons bis hin zu Julian Reichelts Tweet sind so kurios wie aufschlussreich. Man merkt: Hier schreibt jemand, der wirklich vor Ort war, der die Schriftsätze gelesen hat, der den Richtern in die Augen gesehen hat.
Meine Lieblingsszene ist die Geschichte vom Amtsrichter in Stralsund, der sich weigerte, per Video zu verhandeln, weil er sich nicht in die Technik einarbeiten wollte und der dann im ärmellosen Unterhemd auf LinkedIn posierte. Oder die Episode, in der YouTube vor Gericht zugab, Videos allein auf Zuruf von Denunzianten zu löschen, ohne eigene Prüfung. Das ist kein juristischer Fachvortrag, das ist Theater des Absurden und Steinhöfel führt Regie.
Das Buch ist nicht perfekt. Es ist polemisch, manchmal zu parteiisch. Die Gegenseite also die Plattformen und ihre Anwälte kommt kaum zu Wort. Steinhöfel ist Aktivist, nicht neutraler Beobachter. Wer eine ausgewogene Abwägung sucht, wird enttäuscht. Aber wer eine leidenschaftliche Anklage lesen will, die auf Fakten und eigenen Prozesserfahrungen beruht, der ist hier richtig.
Und wer weiß vielleicht wird dieses Buch eines Tages verfilmt. Ein Gerichtsdrama im Stil von "Die zwölf Geschworenen", nur mit Algorithmen und Großkonzernen als Antagonisten. Tom Hanks als Steinhöfel? Oder doch Christoph Waltz? Es wäre ein kurzweiliger Stoff für eine Streaming-Serie jede Folge ein neuer Fall, ein neuer Sieg, ein neuer richterlicher Totalausfall.
Das Buch ließ sich flüssig und sehr unterhaltsam lesen. Es ist eines jener seltenen Sachbücher, die man nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Neugier verschlingt. Steinhöfel schreibt so lebendig, dass man das Knistern der Gerichtsakten fast hört.
Ein großartiges, aufrüttelndes Buch mit einer klaren Schlagseite. Aber genau das macht es ehrlich. Wer wissen will, warum im Netz so viel gelöscht wird, und wer sich unterhalten fühlen möchte, sollte zugreifen.