
Besprechung vom 14.03.2026
Auch der Geheimdienst hat Humor
Was hat ein Zauberball mit Osama Bin Laden zu tun? Und wie funktioniert ein Insectothopter? Lars Bové taucht ein in die Welt der Spione.
Von Anna Nowaczyk
Ein Sachbuch über Geheimdienste zu schreiben, birgt gleich mehrere Fallstricke. Wo kommt man an ausreichend Informationen, wenn doch alles geheim ist? Wie umschifft - oder entkräftet - man sämtliche Verschwörungserzählungen, die sich um Nachrichtendienste ranken? Und wie politisch sollte man werden?
All das scheint Lars Bové nicht nur nicht abzuschrecken. Der belgische Journalist hat sich gleich noch eine weitere Schwierigkeit an den Schreibtisch geholt: Er richtet sein Buch an Kinder und Jugendliche. Das macht es auch auf normativer Ebene kompliziert.
Denn natürlich sind viele Verhaltensweisen, mit denen ein klassischer Spion seinen Arbeitstag füllt, moralisch zweifelhaft. Er belügt, trickst, täuscht. Bové zieht in der Einleitung einen sehr treffenden Vergleich: Ein Geheimagent würde bei einer Partie Stratego nicht nur ein bisschen schummeln, er würde einen Spiegel aufstellen, um die Figuren seines Freundes auszuspähen. Und weil Bové darauffolgend ziemlich spannende Einblicke in die Raffinessen ebenjener Geheimagenten gibt, stellt sich unweigerlich die Frage: Warum tun sie das eigentlich?
Bové löst es, indem er sich der normativen Bewertung weitgehend entzieht. Die Frage, wieso es überhaupt Geheimdienste braucht, handelt er recht kurz zu Beginn ab: Wissen sei Macht, je mehr ein Staat wisse, desto stärker sei er. Und hier kommen Spione ins Spiel.
Was dann folgt, ist eine Abfolge von Faszinierendem. In 14 Kapiteln teilt sich das Buch, eins reizvoller als das andere: Es geht um James Bond und die Hintergründe seines Tarnnamens 007, Spionagevögel und Whistleblower, aber auch um die allerersten Spione von Cäsar. Auch die spektakulärsten Pannen von MI6, CIA und dem Mossad werden erzählt. Bové stellt berühmte Spione vor, darunter Wladimir Putin. Und auch der russische Geheimdienst GRU kommt immer wieder vor - unter anderem in dem gefährlich anmutenden Kapitel "Waffen und Gift", das auch den Giftanschlag auf Sergej Skripal umfasst. Es gelingt Bové, diese vielfach komplizierten und hochpolitischen Fälle angemessen herunterzubrechen. So beschreibt er auch die Tötung von Osama Bin Laden durch den amerikanischen Geheimdienst in spannender, aber nicht effekthascherischer Weise. Stattdessen hebt er Skurrilitäten hervor: Das Einsatzteam trug den Namen "Magic Ball" - benannt nach Bonbons, die so zäh sind, dass sie sich kaum zerkauen lassen. Die Anekdote ist eine von vielen, mit denen Bové den Geheimdiensten Sinn für Humor bescheinigt - wenn auch einen durchaus eigenwilligen.
Das Schöne ist, dass diese Geschichten nicht nur alle der Realität entspringen, sondern sich aus ihnen auch etwas für den Alltag junger Leser ableiten lässt: Bové erklärt zum Beispiel Schritt für Schritt, wie sie geheime Sprachcodes entwickeln können - und hinterlässt ihnen gleich mal ein paar verschlüsselte Botschaften.
Illustriert wird Bovés Welt der Spionage von Yannick Pelegrin. Der belgische Künstler nutzt für jedes Kapitel eine andere Farbfamilie, jede Geschichte bekommt ihre eigene mystische Atmosphäre. Mittendrin gräbt sich plötzlich ein Comic durch die Seiten, der wie abgeschirmt vom Rest des Buches scheint: Auf fünf Seiten erzählt er die Geschichte des Spionagetunnels unter Berlin, mitten im Kalten Krieg, Russland gegen Amerika, Operation Gold.
All das trägt zu einem gewissen Grundnervenkitzel bei, der das Buch über anhält. Die Einblicke, Erklärungen und Fakten sind so interessant, dass es kaum verwundert, als sie in einer Art Berufsberatung münden. "Bist du ein Spion?", fragt das abschließende Kapitel. In acht Punkten wird erklärt, was es braucht, um ein Geheimagent zu werden - und was einen erwartet, wenn man es dann ist.
Dafür hat Bové sich, wie er schreibt, selbst bei Geheimdiensten umgehört. Er dürfte ganz gute Kontakte haben. Denn der Belgier ist Investigativjournalist, für die Tageszeitung "De Tijd" schreibt er seit Jahren über Geheimdienste, Politik und politische Affären. In der Vergangenheit hat er so schon den ein oder anderen Justiz- und Finanzskandal aufgedeckt. 2008 hatte eine seiner Recherchen sogar zur Folge, dass die belgische Regierung zurücktrat. Vor gut zehn Jahren veröffentlichte Bové dann sein erstes Buch - das Thema, wenig überraschend: der belgische Nachrichtendienst.
In seinem zweiten Buch nun verbindet Bové das gesammelte Wissen mit seiner Fähigkeit, unterhaltsam zu schreiben. Die Sätze sind kurz, die Sprache verständlich, der Tonfall: locker, zuweilen zu locker.
Als er die berühmte Spionin Mata Hari porträtiert, schreibt Bové, dass sie der Schule verwiesen wurde, weil sie auf dem Schoß des Schulleiters gesehen wurde. Das hängt, ohne weitere Erklärung, ein wenig in der Luft und dürfte auch junge Leser irritieren. An anderer Stelle schreibt er: "Geheimagenten sind natürlich auch keine Weicheier, und manchmal müssen sie ihre Gegner ausschalten." Das passt zwar gut in die allgemeine Lässigkeit, die Spione umweht. Doch hätte es den starken Bond-Habitus gar nicht gebraucht. Denn die Realität, über die der Journalist so ein breites Wissen hat, ist spannend genug. So aber kippt die etwas überzeichnete Coolness ins Makabere, je konkreter Bové sich den Arbeitsweisen realer Nachrichtendienste nähert. Im Kapitel zum Mossad erklärt er es zur Aufgabe der Mossad-Agenten, als Scharfschützen auf Gegner zu schießen, die "gemütlich am Strand in der Sonne liegen". Im Spannungsfeld zwischen Bizarrerie, politischer Brisanz und Brutalität den richtigen Ton zu treffen, gelingt Bové nicht immer.
Und doch ist sein Buch, daran besteht kein Zweifel, ungeheuer faszinierend. Geschickt spielt Bové mit der Begeisterung, die junge - aber auch ältere - Menschen für die Hinterlist haben. Oder würden Sie nicht auch gern wissen, was es mit dem Insectothopter auf sich hat? Entwickelt wurde er in den Siebzigerjahren von der CIA: eine Art Mikrodrohne, getarnt als Libelle. Blöderweise begann sie bei Gegenwind sofort zu straucheln. Das Projekt wurde auf Eis gelegt. Es ist, diese Erkenntnis verfestigt sich mit jeder gelesenen Seite, wirklich erstaunlich viel zu erfahren aus der Welt der Geheimen.
Lars Bové, Yannick Pelegrin: "Spionage".
Aus dem Niederländischen von Edmund Jacoby. Verlag Jacoby & Stuart, Berlin 2026. 152 S., br., 20,- Euro. Ab 12 J.
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