
Besprechung vom 02.09.2024
Das ist kein Ort für weiße Retter
Leye Adenles erster Band einer Trilogie über die nigerianische Großstadt Lagos zeigt, wie eng deren Probleme mit der Globalisierung verknüpft sind.
Zügel der Macht" heißt im Original "Easy Motion Tourist" nach einem Hit der nigerianischen Highlife-Musikerlegende Fatai Rolling Dollar. Der Song erzählt von einem Mann, der gelassen bleibt angesichts der Dinge, die ihm im Laufe einer ereignisreichen Nacht zustoßen. Ein Motto, das sich Guy Collins aufschreiben und neben seinem britischen Pass im Brustbeutel aufbewahren sollte.
Der Journalist einer unbedeutenden kleinen Zeitung wird von seinem Redakteur nach Lagos geschickt, um von dort über die anstehenden Wahlen zu berichten. Dementsprechend schlecht kommt es bei der Polizei an, dass Guy anwesend ist, als in dieser ohnehin schon angespannten Phase vor einem Aufreißer-Club mitten im Stadtzentrum die verstümmelte Leiche einer Sexarbeiterin gefunden wird. Längst haben sich Gerüchte um Juju-Hexereien verbreitet, okkulte Rituale mit menschlichen Körperteilen, die den Reichen und Mächtigen noch mehr Reichtum und Macht herbeizaubern sollen. Prophylaktisch wird Guy festgenommen, auf der Polizeistation kreuzt er erstmals den Weg von Amaka, einer Anwältin, die ihr Karmakonto mit einem geheimen Nebenjob aufpoliert: In einer Datenbank erfasst sie alle Männer in Lagos, die die Dienste von Sexarbeiterinnen in Anspruch nehmen.
Am Telefon verraten ihr die Frauen Adressen, Autokennzeichen, Vorlieben und werden im Gegenzug gewarnt, wenn die Akte ihres Freiers dunkle Flecken aufweist. Doch nun scheint eine Frau durch das sorgfältig geknüpfte Sicherheitsnetz gerutscht zu sein, und Amaka sieht rot. Sie ist die Einzige, welche die internationale Aufmerksamkeit, die ihr der Artikel eines britischen Journalisten womöglich einbrächte, sehr wohl gebrauchen kann. Direkt unter der Nase des für einen Moment abgelenkten Inspektors führt sie den maximal verwirrten Guy aus dem Revier. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, in dem die Seiten nicht immer klar verteilt sind.
Bei der zentralen Figurenkonstellation in Leye Adenles Debüt, der Auftakt einer inzwischen vollendeten Lagos-Trilogie, drängt sich sofort der Gedanke an den Stereotyp des "white saviours" auf. Aber Adenles Verhältnis zu dieser Trope ist eher ein Ironisches - Guy könnte die Rolle des selbst ernannten weißen Retters nicht einmal ausfüllen, wenn er es ernsthaft wollte. Permanent schwankend zwischen naiver Faszination und Bangen um die eigene Haut beginnt er, sobald er Amaka nicht mehr als seine potentielle Entführerin fürchtet, sofort ihr hinterherzugeiern. Sein Außenseiterblick auf Lagos mag in "Zügel der Macht" das größere Identifikationspotential für die westliche Leserschaft bieten, aber sie ist zweifellos die eigentliche Protagonistin.
Kompromisslos und dabei gelegentlich arg fahrlässig nach ihrer eigenen Agenda handelnd, wird sie durch ihre Hintergrundgeschichte zu einer dreidimensionalen und dennoch nie völlig durchschaubaren Persönlichkeit; alles steht und fällt mit Amaka. Die ungewöhnliche Erzählweise unterstreicht diesen Kontrast noch: Ihren in der dritten Person klassisch geschwungenen Handlungsbögen stellt der Autor Guys Ich-Erzähler gegenüber, der ungefiltert seine Eindrücke und Komplexe herausposaunt.
Die verschiedenen Perspektiven ergeben ein vielfältiges Bild von Lagos und seinen gegensätzlichen Milieus: Superreiche, von der Lebensrealität der Durchschnittsbürger völlig abgekoppelte Nachbarschaften existieren selbstverständlich neben den Konflikten brutaler Gangsterbanden, um deren beschossene Straßenzüge selbst die Polizei einen weiten Bogen macht, weil sich das Risiko einfach nicht lohnt. Am ehesten ist die Atmosphäre in "Zügel der Macht" vielleicht mit dem italienischen Polizeifilm der Siebzigerjahre zu vergleichen; harten, dreckigen, schnell produzierten Kriminalfilmen. Neapel und Mailand als Dampfkessel, in denen eine giftige Mischung aus Hitze und Staub, Gewalt, Vigilantismus und Korruption bis in die höchsten Ebenen jeden Moment überzukochen droht.
Vor der Kulisse dieses aufgewühlten Lagos kultiviert der in London lebende Autor obendrein sein Talent für falsche Fährten: "Zügel der Macht" verfügt über ein ganzes Arsenal an zumindest zwielichtig erscheinenden Figuren, deren konkurrierende Interessen den Einsatz höher und höher treiben. Aber die Finten sind bei Leye Adenle mehr als ein billiger Effekt. Sie sind auch eine bei aller Gewitztheit überaus deutliche Konfrontation mit den klischeebehafteten, oftmals schlichtweg uninformierten Vorstellungen von Westafrika, die selbst eine wohlmeinende Figur wie Guy Collins nachhaltig verinnerlicht hat. Warum die real existierenden Probleme im Land schmerzhaft mit den Abgründen der globalisierten Welt in Verbindung bringen, wenn sich viel bequemer über archaische Rituale und Aberglauben den Kopf schütteln lässt? KATRIN DOERKSEN
Leye Adenle: "Zügel der Macht". Ein Lagos-Thriller.
Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer.
Interkontinental Verlag, Berlin 2024.
360 S., br., 24
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