Hochspannend, heftig, Stoff zum Nachdenken. Muss man lesen.
Hiskia war fünfundzwanzig Jahre alt, als er König wurde [...] Er tat auf die Türen am Hause des Herrn im ersten Monat des ersten Jahres seiner Herrschaft und besserte sie aus [...]Was in der biblischen Geschichtsschreibung so nüchtern klingt, ist nicht irgendeine belanglose Aufräumarbeit. Hiskia hat sich entschlossen, Gottes Wort, die Thora, wieder zum obersten Leitfaden der Könige von Juda zu machen. Das aber bedeutet in all seiner Konsequenz, nicht nur aufzuhören, Götzenbilder anzubeten, sondern auch die Tributzahlungen an den grausamen König der Assyrer einzustellen. Schnell lernt der junge König, dass es sehr einsam machen kann, im Staat an oberster Stelle zu stehen. Nur zwei weise Männer stehen Hiskia zur Seite: Secharja, sein gläubiger Großvater, der ihn die Thora lesen lehrt und ihn stets vor den Fehlern seiner Vorgänger warnt, und der Prophet Jesaja. Aber Ersterer ist alt, Letzterer meist unauffindbar, wenn man ihn dringend braucht. Und guter Rat ist teuer, wenn das mächtige Heer der Assyrer im Norden den Bruderstaat Israel angreift und es nur eine Frage der Zeit ist, bis es vor Jerusalems Toren steht. Hilfe findet der König in dem engagierten jungen Baumeister Eljakim, der die Ausbesserung der Stadtmauern in die Hand nimmt und ein ehrgeiziges Tunnelprojekt plant, um die Stadt auch während einer Belagerung mit Wasser versorgen zu können. Aber die Zeit scheint Eljakim davonzulaufen, und die Bürde, mit seinem Erfolg oder Misserfolg für Leben oder Sterben eines ganzen Volkes verantwortlich zu sein, wiegt schwer. In einem weiteren Handlungsstrang geht es um die Bauerstochter Jeruscha, die während eines Pogroms ins Lager der Assyrer verschleppt wird, wo sie Unmenschliches erdulden und mitansehen muss. Ihr Vater, der das Massaker überlebt hat, pilgert nun jedes Jahr nach Jerusalem, um sich an dem einzigen Strohhalm festzuklammern, der ihm noch bleibt: der Hoffnung, dass sein Kind noch am Leben ist. Währenddessen hat Jeruscha all ihre Hoffnung verloren ...Lynn Austin ist hier auf der Grundlage der knappen biblischen Berichte eine hochspannende, beklemmende, aber auch Hoffnung weckende Fortsetzung gelungen, noch besser als der erste Band, wie ich finde. Virtuos führt sie die verschiedenen Handlungsstränge zusammen, sorgt für viele Gänsehautmomente. Schonungslos konfrontiert sie die Leser mit dem grausamen Verhalten des assyrischen Militärs, wobei sie es aber nicht zu sehr zelebriert. Gleichzeitig wirft sie tiefe moralische Fragen auf und sucht nach Antworten. Das Buch macht Hoffnung, wo bereits alle Hoffnung ausgelöscht scheint. Das ist ganz großes historisches Kino. Man kann den zweiten Band gut für sich lesen; trotzdem würde ich dazu raten, mit dem ersten Band zu beginnen ("Sei Du meine Stärke").