Als Doktorandin hatte ich einen Vortrag von Frau Margrit Mies-Chiellino in Madrid gehört und
wartete seitdem auf dieses Buch, weil in diesem Vortrag über Menschen erzählt wurde, die so
waren wie ich mit einem Lebensprojekt nach Deutschland eingewandert und bemüht, dieses
durch hohe Leistungsbereitschaft umzusetzen. Frau Mies-Chiellino berichtete damals und berichtet
in ihrem Buch über Menschen mit interkulturellen Lebenserfahrungen und über Schwierigkeiten,
die aufgrund von Loyalitätskonflikten sowohl mit der Herkunftsfamilie als auch mit dem
Einwanderungsland entstehen und plötzlich wird alles real.
Ich habe mich in meiner Promotion mit literarischen Figuren beschäftigt, die ihre Heimat verlassen
und sich der Fremde aussetzen. Obwohl ich voller Mitgefühl mit diesen fiktiven Charakteren war
und oft auch Parallelen zu meinen eigenen Erfahrungen sehen konnte, blieb die Literatur eine
Fiktion, d. h. in einer angenehmen Distanz zum eigenen Leben, die ich nach Belieben regulieren
konnte. Das Buch Interkulturelle Psychotherapie in der Praxis allerdings geht einem unter die Haut.
Man erkennt, wie die dort beschriebenen Loyalitätskonflikte das eigene Leben nach wie vor
beherrschen, obwohl man sie als beigelegt empfunden hat. Das bisher aufgebaute, autonome
Leben, das stabil und befriedigend aussah, wird unter Umständen in Frage gestellt, weil einen das
Leben mit 50 anders fordert als mit 20, und weil manche Politiker in Deutschland die Rückkehr zur
Monokulturalität fordern. Auf der privaten Ebene entstehen in mir Fragen wie: Habe ich die
gewünschte Autonomie erreicht? Ist mein Lebensprojekt realistisch? Während ich mich in der
Begegnung mit bestimmten Mitmenschen fragen muss: Ist meine bisher empfundene Zugehörigkeit
zum Land, in dem ich seit über 30 Jahren lebe, stabil? Vieles muss kritisch hinterfragt werden.
Margrit Mies-Chiellinos Bericht erweist sich dankenswerterweise als enorme Hilfe beim
Überdenken des bisherigen Lebens in allen seinen Façetten. Die Schwierigkeiten im Umgang mit
den alten und neuen Loyalitäten und die Erfahrungen mit der Ablehnung gewisser Teile der
Gesellschaft lassen sich mit dieser Handreichung besser verarbeiten und das Lebensprojekt neu
justieren. Da das Buch darüber hinaus eine Hilfestellung für angehende Therapeuten ist, damit
diese sich auf die gesellschaftlich-kulturellen Veränderungen in Deutschland einstellen können,
erfüllt es mich mit guter Hoffnung.