Das Buch "Lebensursache: Tod" von Matt Morgan trägt den Untertitel "Was wir von Menschen lernen können, die eine zweite Chance bekommen haben". Auch der Text auf der Rückseite des Buches erweckt den Eindruck, dass es primär um die Menschen gehen würde, die einen Herzstillstand überlebt haben und welche Einsichten und Weisheiten sie nun in ihrem neu geschenkten Leben daraus mitnehmen.
Wer sich aufgrund der Ankündigungen so ein Buch erwartet, so wie ich das getan habe, der wird vielleicht von den tatsächlichen Inhalten enttäuscht sein. Ich war es jedenfalls. Denn um die Erkenntnisse der porträtierten Menschen geht es nur sehr am Rande, oft hat der Autor gar nicht intensiv mit diesen nach ihren Wiederbelebungserlebnissen gesprochen.
Ja, es geht schon um die Fälle der Menschen, die einen Herzstillstand hatten und zurück ins Leben geholt werden konnten, allerdings hauptsächlich aus der Sicht des Intensivmediziners selbst. Und man lernt so einiges Interessantes bei der Lektüre, zum Beispiel, dass jemand erst sicher tot ist, wenn er "warm und tot" ist, und insbesondere in extremer Kälte manche Menschen schon mehrere Stunden ohne Herzschlag überlebt haben und danach erfolgreich und ohne bleibende Gehirnschäden wiederbelebt werden konnten. Auch erfährt man sonst so einiges aus dem Alltag und der Tätigkeit eines Intensivmediziners, das ist durchaus interessant.
Wirklich mühsam habe ich aber die Erzählweise gefunden: die Kapitel beginnen mit einer interessanten Geschichte eines Menschen, der einen Herzstillstand überlebt hat - und mittendrin wird abgebrochen oder unterbrochen und es geht um irgendwelche Belanglosigkeiten aus dem Leben des Autors selbst, bei denen sich oft ein Zusammenhang zu den erzählten Geschichten nur mühsam herstellen lässt.
Während man also zum Beispiel in Spannung darauf wartet, endlich mehr über die eigentliche Geschichte zu lesen, muss man über die Erfahrungen des Autors mit seiner Vasektomie lesen, als es ihm peinlich gewesen sei, seinen Samen in einem durchsichtigen Behälter transportieren zu müssen.
Auch wenn es darum geht, wie wir Sinn im Leben finden können, werden weitaus öfters einfach die Gedanken des Autors dazu erzählt als die tatsächlichen Erkenntnisse der Wiederbelebten. Ich habe mich beim Lesen oft über die Selbstzentriertheit, die narzisstisch-eitlen Tendenzen und das ständige Abschweifen des Autors geärgert, so sehr, dass insgesamt in Bezug auf das Thema Sinn-Finden im Leben nur wenig bei mir hängen geblieben ist.
Am interessantesten waren noch die medizinischen Darstellungen davon, wie es zu den plötzlichen Herzstillständen gekommen ist sowie ein Deutlich-Machen der Bedeutung des Erlernens der Herzmassage als Erstmaßnahme, die einen großen Unterschied für die Überlebenschancen nach einem Herzstillstand machen kann.
Es ist insgesamt also ein Buch, das wesentlich mehr Potential haben hätte können, wenn der Autor sich mehr auf die Geschichten seiner Patientinnen und Patienten konzentriert hätte, diesen wirklich zugehört und sich selbst und sein eitles Ego zurückgestellt hätte, um Raum für die Geschichten der anderen Menschen und ihren neu gefundenen Lebenssinn zu schaffen. So war es eine vergebene Chance und ein Buch, dessen Beschreibung und Marketing in die Irre führt.