Die Last des Schweigens
Mechtild Borrmanns Roman beginnt mit einem Fund im Nachlass: ein Foto einer fremden Frau, ein unbekannter Wehrpass und ein Sohn, der plötzlich merkt, dass er seinen Vater nie wirklich kannte. Was folgt, ist keine Krimihandlung im klassischen Sinne, sondern eine behutsame Ausgrabung ¿ Schicht um Schicht ¿ einer Familiengeschichte, die zugleich eine deutsche ist. Die Handlung pendelt zwischen 1939 und 1997, zwischen einem Freundschaftsversprechen unter sechs jungen Menschen kurz vor Kriegsbeginn und den langen Schatten, die Verrat und Schweigen über Jahrzehnte werfen.Borrmann schreibt reduziert und bildhaft, ohne je gestelzt zu wirken. Der Roman ist schlank ¿ kaum 224 Seiten ¿, trägt sein Gewicht aber mit Würde. Wer einen lauten Thriller erwartet, wird enttäuscht; wer sich auf ein stilles, klug konstruiertes Buch einlässt, findet einen Text, der nachwirkt. Zu Recht 2012 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, auch wenn "Krimi" das Falsche verspricht.