**** Mein Eindruck ****
Ein Junge liebt einen Jungen. Doch dieser Junge liebt ein Mädchen. Und selbst wenn er auch Jungen lieben würde, scheint es unmöglich, denn die samische Tradition stellt Ehe, Kinder und das Leben mit den Rentieren in den Mittelpunkt. Für individuelle Wege bleibt wenig Raum. Egal, was Ante versucht, Erik bekommt er nicht aus dem Kopf. Diese Sehnsucht war in jeder Zeile spürbar und hat mich tief berührt.
Die Traditionen sind in der Geschichte dauerhaft präsent. Die samische Kultur, ihre Werte und die festen Vorstellungen davon, was sein darf und was nicht, prägen Antes Denken und Handeln. Besonders eindrücklich sind die stillen Momente, in denen sich eine emotionale Abgeschottetheit zeigt. Ante wirkt gefangen in einer Welt, die ihm kaum Luft zum Atmen lässt, obwohl seine Gefühle für Außenstehende beinahe offensichtlich erscheinen. Dort, wo man als Leserin oder Leser auf Fortschritt hofft, begegnet einem Stillstand. Und doch gibt es diese kleinen Augenblicke der Annäherung, zarte Gesten und Blicke, die mein Herz haben höherschlagen lassen.
Die Einbindung samischer Historie empfand ich grundsätzlich als interessant, doch diese Nebenerzählung konnte mich nicht vollständig erreichen. Teilweise lenkte sie mich vom eigentlichen Geschehen ab und ließ mich gedanklich in eine andere Geschichte eintauchen. Zwar ist Antes Gegenwart eng mit diesen historischen Hintergründen verwoben, dennoch hatte ich eine noch intensivere, stärker fokussierte und gleichzeitig ebenso leise Liebesgeschichte erwartet. Das Ende jedoch hat mir ein ehrliches, warmes Lächeln entlockt und der Geschichte einen hoffnungsvollen Nachklang verliehen.
**** Empfehlung? ****
Eine sensible, ruhige Erzählung über Identität, Tradition und verbotene Liebe, die vor allem durch ihre emotionale Feinfühligkeit besticht. Wer leise, kulturell geprägte Coming-of-Age-Geschichten schätzt, wird hier berührt werden.