
Besprechung vom 18.06.2025
Sie dachte, die Nachbarn klopften Teppiche aus
Wie der Krieg in ihre Lyrik kam: Eine Begegnung mit Moni Stanila beim Poesiefestival in Berlin
"Zwei Dinge haben mich im Leben staunen gemacht: was / Dostojewski in der Prosa vollbracht hat / und Manuel Neuer im eigenen Strafraum." In Moni Stanilas Texten verschmelzen Themen miteinander, die man üblicherweise weit voneinander entfernt verortet: Fußball, Literatur, ihr orthodox-christlicher Glaube, aber auch der Krieg in der Ukraine - gegossen in freie, unprätentiöse Versform. "Die Überlegenheit des Intellektuellen, der von Fußball / angewidert ist, wäre / von Gott aus sichtbar, würde Er Bilder entwickeln von der / göttlichen Tribüne." Als sie und ihr Übersetzer aus dem Rumänischen, Alexandru Bulucz, diese Zeilen beim Poesiefestival Berlin in der Akademie der Künste am Hanseatenweg vortragen, ist aus dem Publikum amüsiertes Gelächter zu vernehmen.
Sie stammen aus ihrem 2022 erschienenen Lyrikband "Ofsaid", benannt nach der aus dem Englischen geborgten rumänischen Bezeichnung für das Abseits. Den Band, für den sie mehrere Literaturpreise in Rumänien und Moldau erhielt, übertrug der Berliner Lyriker Bulucz als "Metallische Igel" ins Deutsche. Stanila, 1978 in der rumänischen Stadt Tomesti geboren, schreibt neben Gedichten auch Kinderbücher und Romane. Die studierte Theologin lebt seit 2010 in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau.
Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Alexandru Vakulovski, betreibt Stanila dort die Literaturplattform "Cenaclul Republica", die dem kollegialen Austausch dient. Seitdem sie in dem kleinen, armen Land zwischen der Ukraine und Rumänien lebt, schreibe sie viel mehr, erzählt sie der F.A.Z. Mit einem Lächeln beruft sie sich auf den rumänischen Lyriker Ion Muresan, der meinte, Dichter seien die Antikörper der Gesellschaft. Dichtung nehme mit den Problemen zu.
Beim Poesiefestival lesen sie und ihr Übersetzer am "Writing Sports Day" die zwischen 2014 und Anfang 2022 entstandenen Texte aus dem ersten Teil von "Metallische Igel". Die von ihrer Fußballbegeisterung durchzogenen Verse sind mal spielerisch, mal melancholisch und referieren immer wieder mit einem Hauch bitterer Selbstironie auf den unerfüllten Kinderwunsch Stanilas: "Bis zur Menopause habe ich Zeit, mich zu entscheiden: Scottish / Terrier oder Berner Sennenhund."
Der zweite Teil des Bandes, den sie sich für eine weitere Veranstaltung am Abend aufhebt, entstand innerhalb weniger Wochen unter den Eindrücken des Kriegs. Als Stanila am Morgen des 24. Februar 2022 auf ihrem Balkon Kaffee trank und auf den Sonnenaufgang wartete, konnte sie die russischen Luftangriffe auf das Nachbarland hören. Erst habe sie gedacht, es seien Nachbarn, die ihre Teppiche ausklopfen, und habe nicht akzeptieren wollen, dass es die Geräusche des Krieges sind. Dann spürte sie Ohnmacht und Wut. "Der große Sieg, den Putin davonträgt, ist, dass er unser aller Leben verändert hat", sagt sie dem Publikum. "Ich dachte, ich werde überhaupt nicht mehr schreiben, weil die Realität so brutal ist", schildert sie. Eigentlich habe sie ihren Band über Fußball beenden wollen, doch danach sei ihr überhaupt nicht gewesen. Im zweiten Teil von "Metallische Igel" spricht das lyrische Ich zwar noch über seine Leidenschaft Fußball, doch darüber liegt der Schatten des Krieges.
In der kleinen Republik Moldau, die früher Teil der Sowjetunion war, fürchtete man gerade anfangs, als nächstes Land dran zu sein. Sie und ihr Mann hätten, unter Schock stehend, die ersten Tage auf gepackten Koffern gesessen, berichtet Stanila, die sich entschlossen solidarisch mit dem überfallenen Land gibt. "Slava Ukraini", sagt sie an diesem Nachmittag auf dem Podium, und "Slava Ukraini" taucht, in Kombination mit an den Kreml gerichteten Beschimpfungen, in ihren Gedichten auf.
Man lebt in Nachbarschaft zum russischen Militär. Anfang der Neunzigerjahre hat sich nach einem kurzen Krieg Transnistrien, ein dünner Streifen an der Grenze zur Ukraine, von ihr abgespalten. Dabei halfen "russische Friedenstruppen". De jure gehört Transnistrien nach wie vor zu Moldau, de facto ist dort ein prorussisches Gangsterregime an der Macht. Nicht nur die Hammer-und-Sichel-Flagge von damals ist geblieben, sondern auch die russischen Truppen - und mit ihnen die Angst vor einer künftigen Ausweitung der Aggression.
Vor dem Krieg sei sie gerne an ihrem Geburtstag im Februar mit dem Zug ins nahe gelegene Odessa gefahren, um im kalten Meer zu schwimmen, berichtet Stanila. In einem ihrer Gedichte heißt es, die metallischen Igel in der dortigen Fußgängerzone, die Panzersperren, erinnerten sie an überlagerte Fotografien vom weitläufigen Chisinauer Doina-Friedhof. Jetzt gebe es in ihrem geliebten Schwarzen Meer "Kriegsschiffe statt Delfine". Dostojewski dürfe trotz allem bleiben, "denn die Kunst wurde glücklicherweise / nicht mit der Landkarte in der Hand / kanonisiert" - wegen seiner "Heiliges-Russland-Demenz" steht er allerdings nicht mehr an erster Stelle. YELIZAVETA LANDENBERGER
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