Ein solides Werk mit Grundwissen über Beziehungsmuster und deren Ursprünge sowie Tipps zu bewussterem Dating. 3,5 Sterne von mir.
In ihrem Buch "Du bist nicht beziehungsunfähig" schreibt Nina Deißler über ein Phänomen, das so manche Frau sicherlich kennt: Man startet in ein Kennenlernen, alles scheint gut zu laufen, doch einige Zeit später entpuppt sich das Gegenüber als doch nicht so passend oder gar emotional unverfügbar. Das Resultat sind kreisende Gedanken und die Frage: "Stimmt irgendetwas nicht mit mir oder warum passieren mir solche Erfahrungen immer wieder?"Im erstes Teil des Buchs widmet sich die Autorin den Mechanismen, die sich bei der Partnerwahl meist unbewusst im Hintergrund abspielen. Sie beleuchtet, wie der eigene Selbstwert und das eigene Selbstbild Anziehung beeinflussen und lässt die Leserinnen einen Blick auf ihre Kindheit werfen. Habe ich gelernt, dass ich um Zuneigung kämpfen und Leistung erbringen muss? War es gefährlich, Nähe zuzulassen, weil meine Bezugspersonen meine Bedürfnisse missachtet oder mich gar dafür bestraft haben? Kenne ich echte, gesunde Nähe vielleicht überhaupt nicht, weil meine Eltern physisch oder psychisch abwesend waren? Nina Deißler erklärt, wie diese tiefsitzenden Erfahrungen sich auf Beziehungen im Erwachsenenalter auswirken und lädt zur Selbstreflexion ein. Ein Test im Buch kann erste Aufschlüsse über die eigenen Baustellen liefern.Der zweite Teil des Buchs liefert den Leserinnen Ansätze, um alte Muster und Glaubenssätze zu verändern und den eigenen Selbstwert zu stärken. Die Autorin ermutigt dazu, die eigene Persönlichkeit unverstellt zu zeigen - weg vom Beeindrucken-Wollen, hin zu mehr Authentizität.Teil 3 des Buchs verknüpft die gewonnenen Erkenntnisse mit der Praxis und bietet Anregungen, um gut gewappnet und mit mehr Bewusstsein ins Dating zu starten (z.B. die "Standard-Liste", bei der man sich vorher überlegt, welche Eigenschaften in einer Partnerschaft essentiell und nicht verhandelbar sind).Das Buch beinhaltet zudem einen Bonus-Teil, der zusätzliches Material für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den eigenen Bindungsmustern bereit hält. Dort zu finden sind weitere Quellen zur Thematik, Podcastfolgen der Autorin, eine kompakte Liste, die gängige Selbstsabotage-Muster aufzeigt, Erste-Hilfe-Tipps für Rückfälle in alte Muster sowie Journaling-Fragen, die die schriftliche Selbstreflexion unterstützen können.Das Buch ist meiner Meinung nach sehr anschaulich gestaltet und liefert am Ende eines jeden Kapitels eine kleine Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte. Es liest sich leicht und angenehm und spricht seine Leserinnen direkt in der "Du"-Form an. Ich kann mir vorstellen, dass sich die meisten davon an der ein oder anderen Stelle angesprochen und verstanden fühlen. Neueinsteigerinnen in die Thematik werden sicher so manchen Aha-Moment erleben und die eigenen Muster besser verstehen lernen. Für Personen wie mich, die sich schon länger mit Bindungsdynamiken auseinandersetzen, war nicht unbedingt viel Neues dabei, aber das liegt ja in der Natur der Sache. Für mich sind Teil 2 und Teil 3 etwas zu kurz gedacht: Ich kann mir vorstellen, dass viele Frauen etwaige Glaubenssätze und Muster bereits kennen, aber dennoch Probleme haben, daraus auszusteigen. Reines Theoriewissen und gutes Zureden allein hilft nicht unbedingt dabei, jahre- oder gar jahrzehntelang begangene Pfade zu verlassen. Das ist für mich die eigentliche Krux an der ganzen Sache. Das Buch befasst sich kaum mit den enormen Verlust- oder Näheängsten, die bei dysfunktionalen Beziehungsmustern ausgelöst werden können und bietet keine Lösungsansätze dafür, wie diese reguliert und durchgestanden werden können.Nichtsdestotrotz handelt es sich um ein solides Werk, dass ich vor allem denjenigen empfehlen würde, die in Bezug auf ihre Beziehungsschwierigkeiten erst wenig Licht ins Dunkel gebracht haben.