Eine Notaufnahme ohne Triage: Der Herzinfarkt zieht dieselbe Wartenummer wie der Schnupfen. So verwalten wir die Menschenrechte das Folterverbot steht im selben Katalog wie das Recht auf bezahlten Urlaub, gleichrangig. Und die Mächtigen fürchten diesen langen Katalog nicht. Sie lieben ihn: Je länger die Liste, desto schwächer ihr Schutz. Denn Menschenrechte leben nicht in Genf und nicht auf Papier sie leben oder sterben im Inneren des Einzelnen, in jenem Raum, den dieses Buch das Interio nennt: dort, wo ein Mensch morgens am Küchentisch sitzt und für wahr hält, was ihm geliefert wurde.
Dagegen setzt Richard Hörner eine radikal andere Begründung: Der Mensch ist keine soziale Rolle und kein moralisches Konstrukt, sondern eine fragile, zeitlich begrenzte, bewusste Lebenskapsel verletzbar, deformierbar, zerstörbar. Gerade daraus erwächst der Anspruch auf Schutz, vor jedem Gesetz, vor jeder Konvention. Dass am Ende vierzehn Kernrechte stehen statt dreißig Artikeln, ist die Folge dieses Wegs, nicht sein Zweck: eine Zahl, die ein Mensch fassen kann. Kein Appell, keine Programmschrift ein philosophischer Gegenentwurf, geschrieben nicht gegen die Menschenrechte, sondern für sie. Für Leserinnen und Leser, die wissen wollen, wo Menschenrechte wirklich leben und wo sie zuerst sterben.