Rudolf Stratz' Das deutsche Wunder entwirft ein vielschichtiges Bild jener geistigen und gesellschaftlichen Kräfte, die im frühen 20. Jahrhundert als Grundlage deutscher Selbstbehauptung verstanden wurden. Zwischen erzählerischer Anschaulichkeit, publizistischem Pathos und kulturgeschichtlicher Reflexion bewegt sich der Text im Umfeld der national geprägten Literatur seiner Zeit. Stratz verbindet individuelle Schicksale mit größeren historischen Bewegungen und sucht im scheinbar Außerordentlichen nicht bloß ein Ereignis, sondern ein Symptom kollektiver Energie zu erkennen. Der Autor, 1864 in Heidelberg geboren und lange einer der meistgelesenen deutschen Unterhaltungsschriftsteller, verfügte über ein feines Gespür für die Erwartungen eines bürgerlichen Lesepublikums. Seine Erfahrungen als Journalist, Reisender und Chronist gesellschaftlicher Milieus prägten seinen Blick auf Politik, Kultur und nationale Identität. Gerade diese Verbindung aus Beobachtungsgabe und erzählerischer Routine dürfte ihn befähigt haben, ein Thema von zeitgeschichtlicher Dringlichkeit in eine zugängliche literarische Form zu bringen. Empfehlenswert ist Das deutsche Wunder für Leserinnen und Leser, die Literatur nicht nur als ästhetisches, sondern auch als historisches Dokument begreifen. Das Buch eröffnet Einblick in Denkweisen, Hoffnungen und Spannungen einer Epoche und verdient eine aufmerksame, zugleich kritisch distanzierte Lektüre.