
Besprechung vom 23.08.2025
Das Haus mit neuem Bewohner
Wenn du mich fragst, war es unfair von Feuchtwanger, Herrn X derart an den Pranger zu stellen. Häuser zu klauen und zu besetzen war damals schwer in Mode. Da haben alle mitgemacht." So beginnt Sharon Doduas Otoos Erzählung "Mahlerstrasse 8" (Merve Verlag, Berlin 2025. 70 S., br., 12,- Euro), deren Titel sich der ehemaligen Adresse von Lion Feuchtwangers Haus in Berlin verdankt. Der Name "Herr X" geht auf einen offenen Brief von Feuchtwanger zurück, der am 20. März 1935 im "Pariser Tageblatt" erschien. Gerichtet an "die Bewohner meines Hauses Mahlerstrasse 8 in Berlin", beginnt er mit folgender Feststellung: "Ich weiss nicht, wie Sie heissen, mein Herr, und auf welcher Art Sie in den Besitz meines Hauses gelangt sind." Was jedoch feststand: Die Nationalsozialisten hatten damals Feuchtwangers gesamtes Vermögen beschlagnahmt, weil er Jude war. Und nachdem das Haus geplündert worden war, hatte Feuchtwangers ehemaliger Wohnsitz in Deutschland zum Zeitpunkt des Erscheinens des offenen Briefs diesen "Herrn X" als Bewohner.
Demutsvoll ist Lion Feuchtwanger mit allem Recht nicht. Das Haus "zu bauen und einzurichten, hat Frau Feuchtwanger und mir viel Mühe gemacht", schreibt er. Seinen neuen Bewohner ruft der Autor dazu auf, das Haus nicht verkommen zu lassen. Man konnte zwar seinerzeit wohl nicht erwarten, dass der ominöse Herr X den Brief von Feuchtwanger lesen würde. Nicht ohne Humor wollte der Schriftsteller in Form des Briefes im "Pariser Tageblatt" trotzdem auf seine Lage aufmerksam machen.
Dabei ist Feuchtwangers Text zwangsweise politisch, denn der Schriftsteller sinniert darin ebenso über die Frage, was mit seinen Büchern geschehen werde, wie darüber, was der neue Bewohner wohl mit seinem Terrarium anstellen mochte. "Hat man wirklich meine Schildkröten und meine Eidechsen totgeschlagen, weil ihr Besitzer 'fremdrassig' war? Und haben die Blumenbeete und der Steingarten sehr gelitten, als die SA-Leute meinen krumm und lahm geschlagenen Portier schiessend durch den Garten verfolgten, wie er sich in den Wald flüchtete?"
Die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo greift in der gesamten Erzählung "Mahlerstrasse 8" auf diesen Brief zurück. Und denkt damit über die Frage nach Heimat und Zugehörigkeit nach. Wobei eher von mehreren Heimaten die Rede sein müsste, denn das genau ist auch die Idee jener Buchreihe des Hauses der Kulturen der Welt, in der ihre Erzählung nun erschienen ist. Bereits in ihrem Beitrag "Herr Gröttrup setzte sich hin", für den die Autorin 2016 den Bachmannpreis erhielt, spielte sie mit Leseransprachen und karikierte den "typischen" Deutschen, der einfach nur seine Ruhe haben möchte, fern von Einmischung, fern von Politik - so möchte man zumindest meinen. Die namenlose Ich-Erzählerin hätte auf jeden Fall gehandelt wie Herr X, im Sinne der Harmonie: "Und ich glaube, du bist mir ähnlicher, als du denkst." Sicher fühlen, das kann man sich nicht beim Lesen des Textes.
Über schriftstellerisches Engagement schreibt Otoo dann: "Ich bin absolut dafür, dass sich Schriftsteller*innen einmischen. Aber was Feuchtwanger hier macht, ist etwas anderes. Er hat es auf irgendeinen anonymen Typen abgesehen." Nur um dann allerdings später einzuräumen, dass die Heimat, nach der sie sich sehnt und in der sie sein kann, wie sie möchte, noch keine Realität sei. "Und wenn ich darüber nachdenke, woran das liegt, fallen mir Leute wie Herr X ein." Darin steckt dann doch ein Vorwurf, denn ein heutiger "Herr X" hätte der Erzählerin zufolge die "Remigrations"-Forderungen genauso stillschweigend hingenommen, wie es 1935 im Falle der Entrechtungen geschah. Deshalb sehnt sich die Erzählerin als schwarze Person nach einem Ort der Heimat, "der Leute wie mich als Teil seiner Vergangenheit und Gegenwart und auch Zukunft anerkennt". Hatte Feuchtwanger dann nicht doch recht, wenn er "Herrn" X attackiert?
Obwohl Feuchtwanger zum Ende seines offenen Briefes hin noch die Hoffnung ausdrückte, in sein Haus zurückzukehren, musste er weiterhin im Exil bleiben. Über Zuschreibungen und das Absprechen seines Deutschtums dachte auch er nach und stellte an anderer Stelle fest: "Ich bin ein deutscher Schriftsteller, Mein Herz schlägt jüdisch, Mein Denken gehört der Welt." Die Frage nach der Heimat wird bei Feuchtwanger dann aktuell, wenn sie einem genommen wird. Von seinem offenen Brief ausgehend, unternimmt Otoo den Versuch, eine fiktive Reise in die Vergangenheit in die Welt des Herrn X zu einer Geschichte für die Gegenwart zu machen. Denn: "Wenn alle, die in der Zukunft leben, alles im Griff hätten, was die Vergangenheit betrifft, wozu bräuchten wir dann Geschichten?" PHILIPP SCHRÖDER
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