Stig Johansson geht mit seinem Hund an einem Fluss beim Städtchen Harads spazieren, als der Spitz plötzlich an der Leine zerrt, unbedingt noch dichter ans Wasser will. Sein Herrchen gibt nach, sie verlassen den Trampelpfad ... und stehen unversehens vor der übel zugerichteten Leiche eines jungen Mannes. Die Autopsie ergibt, dass er schon viele Monate tot sein muss und eine Schussverletzung hat.Kommissarin Idun Lind und ihr Kollege Calle Brandt übernehmen die Ermittlungen.Sie finden heraus, dass es sich bei dem Toten um den 27 Jahre alten Afghanen Fawad Qurban handelt, der einst mit seinen Eltern und Geschwistern vor dem Taliban-Regime geflohen war. Die ca. 20 Kilometer vom Leichenfundort entfernte Abschiebe-Unterkunft in Harads ist als letzte Melde-Adresse angegeben. Dort hielt er sich 4 Wochen lang auf, bis nach einigem Hin und Her dann sein Abschiebe-Bescheid außer Kraft gesetzt wurde.Dies ist bereits 1 ¿ Jahre her. Fawad bekam damals ein Zugticket nach Stockholm sowie ein Busticket zu seinem Wunsch-Zielort. Das letzte Lebenszeichen ist jedoch die Taxifahrt von Harads zum ca. 13 km entfernten Bahnhof in Boden.Als Vermisstenfall taucht er nirgends auf, sodass die Kommissare zunächst keinen Ansatzpunkt für ihre Ermittlungen haben und mit Befragungen in seiner letzten Umgebung beginnen.Von den Lagermitarbeitern bekommen Idun Lind und Calle Brandt jedoch kaum hilfreiche Auskünfte und die Dorfbewohner hüllen sich in Schweigen.Resümee:Wie bei den Romanen von Tina N. Martin üblich, spielt das Geschehen sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit.Die aktuelle Handlung umfasst die Ermittlungen zum Tod von Fawad Qurban. In einem separaten Strang wird parallel dazu die Situation des autistischen Jugendlichen Sebastian geschildert, der soziale Kontakte vermeidet, aber um so lieber durch den Wald streift. Bis kurz vor Schluss fragt man sich, welche Rolle die Autorin ihm in Bezug auf den Fall zugedacht hat.Ähnliches gilt auch für die Vergangenheitshandlung: Beginnend im Jahr 2011 wird das Leben einer syrischen Familie aus der Nähe von Aleppo erzählt. Die 11-jährige Nadira liebt es, mit dem Vater oder ihrem älteren Bruder, dem Studenten Yaser, Drachen steigen zu lassen und dabei das Spiel des Windes zu studieren. Eines Tages jedoch beschließt die Familie schweren Herzens, aus dem im Bürgerkrieg befindlichen Syrien zu fliehen. Es beginnt eine lebensgefährliche Reise, die die Familie auseinanderreißt und Nadira 2024 nach Harads führt. Hier bekommt die mittlerweile junge Frau für das Fortlaufen des Gegenwartsstrangs eine zentrale Bedeutung.Für Idun Lind und Calle Brandt gestalten sich die Ermittlungen zum Tod von Fawad Qurban äußerst schwierig:Von den Bewohnern des Dörfchens Harads bekommen sie so gut wie keine hilfreichen Auskünfte. Man hüllt sich in Bezug auf das Abschiebe-Lager und dessen Bewohner ebenso in Schweigen wie zu Fragen über andere Einwohner.In ihrer Not greifen Lind und Brandt zu rechtlich nicht erlaubten, riskanten Mitteln, um an Informationen zu gelangen. Und nach und nach ergeben viele Puzzleteile schließlich ein schlüssiges Bild.Die meist spannende Handlung - gelegentlich weist sie ein paar Längen auf - endet schließlich in einem fulminanten Showdown.Auch privat hat Idun Lind ihr Päckchen zu tragen: Schwester Mika leidet immer noch unter einer Schwangerschaftsdepression, sodass Idun sich zusammen mit ihrem Vater und dessen Lebensgefährtin um die kleine Nichte kümmert. Das Verhältnis zu ihrem Bruder Nore ist äußerst angespannt, die Beziehung zu dem Ermittler Tariq Shaheen aus Stockholm immer wieder von berufsbedingter Funkstille und damit einhergehenden Sorgen geprägt. Auch zu diesen Ermittlungen wird er wieder herangezogen und riskiert sein Leben.Fazit: Dies ist ein spannender Thriller, der dem Leser die Flüchtlings- und Abschiebesituation nahebringt. Er dreht sich generell um menschliche Würde und die Frage, was ein Menschenleben wert ist.