Nimmt einem beim Lesen manchmal fast den Atem.
"Emotional Female" ist ein ebenso kraftvolles wie schonungsloses Memoir der australischen Ärztin Yumiko Kadota, die ihre Erfahrungen im öffentlichen Gesundheitssystem mit einer radikalen Offenheit teilt, die einem beim Lesen manchmal wirklich die Luft nimmt. In diesem Buch erzählt sie von ihrem steinigen Weg durch das Medizinstudium, die chirurgische Facharztausbildung und schließlich ihrem Zusammenbruch - ausgelöst durch ein Arbeitsumfeld, das von Leistungsdruck, Überstunden, Sexismus und struktureller Ungerechtigkeit geprägt ist. Diese Einblicke waren wirklich erschreckend.Kadota, Tochter japanischer Einwanderer, war eine brillante, ehrgeizige Studentin. Sie wollte alles richtig machen, alles geben, alles schaffen. Doch was sie in ihrer Assistenzzeit in australischen Krankenhäusern erlebt, treibt sie zunehmend an den Rand ihrer Kräfte: 24-Stunden-Schichten, ständige Erreichbarkeit, eine Kultur des Schweigens und Wegsehens. Besonders als junge Frau mit asiatischem Hintergrund wird sie immer wieder übersehen, übergangen oder als "zu emotional" abgestempelt - das Etikett "emotional female" wird zum Symbol für die Abwertung weiblicher Empathie in einem System, das Härte glorifiziert.Was Kadota beschreibt, ist weit mehr als individuelle Überforderung. Ihr Bericht legt die systemischen Missstände offen, die viele junge Ärzt:innen weltweit erleben: eine toxische Arbeitskultur, die Fehler nicht verzeiht, Selbstfürsorge als Schwäche auslegt und Diversität als Störfaktor behandelt. Gleichzeitig gelingt es ihr, all das ohne Larmoyanz oder Selbstmitleid zu erzählen. Ihre Sprache ist klar, analytisch, oft nüchtern - gerade deshalb wirken ihre Schilderungen so eindringlich. Leser:innen spüren förmlich den Druck, die körperliche Erschöpfung, das emotionale Ausgebranntsein, das sie über Monate hinweg begleitet.Doch "Emotional Female" ist nicht nur ein Buch über das Scheitern, sondern auch über Heilung. Kadota beschreibt offen, wie sie sich aus dem System befreit, sich ihrer Werte und Grenzen wieder bewusst wird und beginnt, ihr Leben neu zu gestalten. Sie nimmt sich Zeit für ihre mentale Gesundheit, reflektiert über feministische Themen, kulturelle Prägungen und den Wert von Selbstfürsorge - und findet schließlich einen neuen beruflichen Weg, der mit ihren Bedürfnissen im Einklang steht.Besonders bemerkenswert ist, wie universell ihre Geschichte wirkt. Obwohl sie in einem sehr spezifischen Kontext - dem australischen Gesundheitssystem - spielt, sind die Themen, die Kadota anspricht, international hochrelevant: mentale Gesundheit in leistungsgetriebenen Berufen, weibliche Wut, Mikroaggressionen im Arbeitsalltag, und der Mut, sich dem eigenen Perfektionismus zu widersetzen. Auch Leser:innen ohne medizinischen Hintergrund können viel aus diesem Buch mitnehmen - über Grenzsetzung, Selbstschutz und die Kraft, sich gegen ein krankmachendes System zu stellen."Emotional Female" ist ein kluges, wichtiges und zutiefst persönliches Buch. Es zeigt, wie verletzlich auch starke Menschen sein dürfen - und dass wahre Stärke oft erst beginnt, wenn man sich erlaubt, nicht mehr alles aushalten zu müssen. Kadota erhebt mit ihrer Geschichte nicht nur ihre eigene Stimme, sondern spricht für viele, die lange geschwiegen haben. Ein eindrucksvolles Zeugnis über das Menschsein im System - und ein eindringlicher Appell für mehr Menschlichkeit, besonders dort, wo sie oft am meisten fehlt: in der Medizin.Einen kleinen Punktabzug für mich ganz persönlich, weil die vielen Gegebenheiten ihres Lebens sehr ausführlich beschrieben werden. Auch wenn es eine gewisse Tiefe braucht, waren mir einige Passagen einfach viel zu lang. Aber generell ein wichtiges Buch! Es braucht diese radikale Transparenz, um Missstände beseitigen zu können - man muss sie erst mal sichtbar machen.