
Besprechung vom 17.05.2025
Hähne auf für die Wassermanege
Vergessene Glanzzeit: Ein exzellent gemachter Band versammelt Zeugnisse Berliner Zirkuskunst um 1900.
So ein Zirkus!", sagt man gern, wenn etwas völlig durcheinandergeht, aber was so ein Zirkus für ein komplexes Imperium sein kann, bedenkt man dabei selten. Als Beispiel mag der Circus Renz am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gelten: "Heut umfasst sein Bereich fünf eigene, massive, brillant ausgestattete Cirkusgebäude - in Berlin, Wien, Hamburg, Breslau und Brüssel - sowie einen transportablen eisernen Cirkus für diejenigen Städte, die ein massives Cirkusgebäude nicht besitzen; ferner einen Marstall von 150 Pferden, darunter mehr als 60 dressierte und Schulpferde edelster Race; den bekannten reichen Thierpark von Giraffen, Löwen, Lamas, Straußen, Elephanten u.s.w. (der zur Zeit meist als eigene Menagerie reist); ein Personal von über hundert fest engagierten Leuten, ein eigenes Ballettkorps von Solotänzerinnen, Corps de ballet, vollständiger Ballettschule und 2 Ballettmeistern; eine eigene Kostüm-Schneiderei, eine eigene Sattlerei, und eine Fülle von werthvollen, zum Theil kostbaren Kostümen, Requisiten, welche allein fast eine ganze Eisenbahn-Ladung ausmachen." So beschrieb es ein Autor 1888, den För Künkel und Mirjam Hildbrand in ihrem Buch "Zirkuskunst in Berlin um 1900" zitieren. Die Auflistung vermittelt eine Ahnung von den Kapazitäten, die damals in die Institution Zirkus investiert wurden.
In den besten Zeiten existierten in Berlin rund zehn feste Zirkusspielstätten, "wobei die ab 1850 bestehenden, steinernen Gebäude zwischen 3000 und 5000 Gäste fassen konnten und damit drei- bis viermal so viel wie die Berliner Schauspiel- und Opernhäuser". Neben den klassischen Elementen wie Artistik und Tierdressurnummern umfasste das Programm etwa Pantomime, Bewegtbildprojektionen oder opulente Wasserspektakel. Die neuen technischen Entwicklungen wie die zunehmende Elektrifizierung ermöglichten spektakuläre Shows und lösten eine enorme Nachfrage aus.
Von diesem Glanz ist schon lange nichts mehr übrig. Maßgeblich befördert unter anderem von Lobbyisten der Theater, denen mit den modernen Zirkusbetrieben eine existenzbedrohende Konkurrenz erwachsen war, wurden diese als minderwertiges Amüsement abqualifiziert. Die Debatten über den "Kunstwert" der zirzensischen Veranstaltungen zogen schließlich Einschränkungen in Bezug auf Spielgenehmigungen und Steuerabgaben nach sich. Wie zu erwarten, wurden mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten die Zirkusgesellschaften der jüdischen Inhaber aufgelöst oder enteignet.
Für ihr Buch haben sich die Autorinnen auf eine ausgedehnte Spurensuche in Berliner Archive und Bibliotheken begeben, Akten der lokalen Theaterpolizei sowie diverse Kisten und Mappen durchforstet. Es hat sich gelohnt, der großformatige Band mit seinen reichhaltigen Materialien wie Fotografien und Bauzeichnungen, Grundrissen und Straßenkarten, dazu Patentschriften, Presseberichten, Auszügen aus Briefwechseln, illustriert auf einnehmende Weise diese untergegangene Kunstform. Die Architektur ist eindrucksvoll, die Gebäude sind stadtbildprägend, die Tribünen schwarz von Menschen. Stößt man dann noch auf ein Plakat des Circus Busch, das Reklame für eine Looping-Darbietung macht, vermittelt sich direkt die Faszination, die von derlei Spektakeln 1906 ausgegangen sein mag. Man jongliert mit elektrischen Lampen, es werden Schwimm- und Tauchchoreographien aufgeführt, und der Clown gibt den "dummen August".
In ihren Erinnerungen beschreibt Paula Busch, wie in ihrem Zirkus der Untergang der Stadt Vineta gezeigt wurde: Sechs Minuten dauerte das Unwetter, bei dem "Abend für Abend 30.000 Liter Spreewasser aus der Zirkuskuppel" auf die sündige Stadt stürzten, "50 Menschen mit 27 Tieren gurgelten dreieinhalb Meter hinab in die Wassermanege". Ein wenig wie die Recherche nach der sagenumwobenen, in der Ostsee versunkenen Stadt Vineta wirkt denn auch diese ausgezeichnete, bildmächtige Dokumentation, die sich empathisch den verschwundenen Traditionen und Orten einer einst so präsenten Kunstform widmet. IRENE BAZINGER
För Künkel / Mirjam Hildbrand: "Zirkuskunst in Berlin um 1900". Einblicke in eine vergessene Praxis.
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2025. 208 S., Abb., br.
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