Auch im 2. Teil von 'Homosexualität und Literatur' fragt Fichte nach der ethischen Verantwortung im poetischen Schreiben und nach dem Zusammenhang von erotischer und literarischer Entwicklung.
Kann nicht die Was auch als erster großer Liebesroman der Weltliteratur, als Liebesgeschichte zwischen Patroklos und Achilleus gelesen werden? Hat Luther in seiner gewaltigen Bibelübersetzung nicht auch mit der bigotten Sprache angeblicher Nächstenliebe das Fundament für Rassenpogrome gelegt? Erkennt man in Platen nicht auch den ersten Dichter, der die normalen Empfindungen eines Homosexuellen zur Sprache brachte? Und dominiert in Genets Werk nicht auch die Bewunderung für Hitler, die Apologie des KZ?
Die analytische Präzision Fichtes ist in diesen späten Essays (1982 bis 1985) noch gesteigert, die polemische Schärfe im Urteil bleibt dieselbe. In diesem Band kann man auch die wichtige Begegnung mit Hans Henny Jahnn nachlesen, den Fichte als 14jähriger traf und dem er mit »Herrn Pozzi« im 'Versuch über die Pubertät' ein - gewiß strittiges -Denkmal setzte. Gerade dieser Essay ist mehr als nur literarische Analyse. Fichte dokumentiert seine Erlebnisse mit dem orgelbauenden Literaten in narrativer Form; fast könnte man 'Chatterton und Chatterton' als poetisches Verbindungsstück ansehen zwischen dem 'Versuch über die Pubertät' und dem 'Kleinen Hauptbahnhof'. Erzählt wird die Initiation in die Welt der Literatur. Wenn Fichte an Jahnns Chatterton-Analyse die »Mischung aus Entlarvung und Komplizität, Journaille und Poesie« entdeckt, so mag dies auch ein Stück Selbstbeschreibung gewesen sein.
Fichtes Essays liegen hiermit erstmals vollständig vor.
Das Haus der Mina in São Luiz de Maranhão
Buch (gebunden)
24,00 €
Agotime, die Mutter des Königs von Dahomey, wurde um das Jahr 1816 nach Amerika verkauft. Und weil sie traurig war und nicht länger jung, wurde sie viele Male verkauft. 180 war sie etwa 70 Jahre alt. Sie war es, die den Kult der königlichen Vodun in Brasilien einführte. Hubert Fichte erforschte die Reste dieses Kultes, den noch heute in São Luis de Maranhão die Damen der Casa das Minas pflegen. Er vollendete diese Studie am 1. November 1982.
In den drei Bänden über die afroamerikanischen Religionen, 'Xango', 'Petersilie', 'Lazarus und die Waschmaschine', entwickelte Hubert Fichte eine poetische Ethnographie, die er mit 'Das Haus der Mina' vervollständigte.
Das Besondere seiner poetischen Ethnographie besteht in der Darstellungsweise. Für 'Das Haus der Mina' nimmt Fichte fast ausschließlich Aussagen der Vodunci, fügt sie zu einer Collage zusammen und erweitert sie nur an wenigen Stellen durch eigene Kommentare. Auf diese Weise gelingt es ihm, das Haus, die Götter, das Geheimnis, das Gesetz etc. dieses Kultes darzustellen und gleichzeitig die Geschichte seiner Erforschung zu erzählen. Durch die hohe Präzision in der sprachlichen Erfassung und Übersetzung der Aussagen der Informanten wie durch die klare Präsentation des Materials gelingt es Hubert Fichte, der Metasprache der herkömmlichen Ethnographie zu entgehen. Diese Darstellung von Ritenruinen, Überlebensreflexen und Vergessen, diese Offenlegung eines Schwundes nimmt eine zentrale Stelle in der 'Geschichte der Empfindlichkeit' ein.
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Hubert Fichte, Die Geschichte der Empfindlichkeit Bücher

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