Eine schreibende (schreiende!) Eigentherapie des Autors ...
Aus dem Bereich der Psychologie kennt man den Begriff der Konfabulation. Er bedeutet frei übersetzt, dass man sich seine Erinnerungen so zusammenbaut, dass sie zwar stimmig sind, aber doch zu einem gewissen Teil nicht der Realität entsprechen. Anders ausgedrückt: Erinnerungslücken werden passend aufgefüllt, damit das persönliche Weltbild stimmig bleiben kann. Selbst wenn man diesen Aspekt der Ausschmückung berücksichtigt, bleiben die Kernaussagen des Buches allemal schlimm genug. Denn was uns der Autor hier zumutet, ist die von unvorstellbarer Grausamkeit (Seiten des Vaters) ausgefüllte Kindheit mit teils dramatischen Folgen für das spätere Leben. Zugleich aber auch mit der Hoffnung verknüpft, dass trotz oder gerade wegen dieser Erfahrungen immer auch Positives daraus entstehen kann. Denn nicht zuletzt sind es nach den Aussagen des Autors diese Erfahrungen "die verhindern, dass ich satt werde und als unheilbar Gutgelaunter die Seiten vollmache."Es ist sicher eine gute Eigentherapie sich schreibend (oder auch schreibend schreien!) von den belastenden Erfahrungen der Kindheit und Jugend befreien zu wollen. Aber muss man sich dieses sich "von der Seele schreiben" als Leser und gleichzeitig Außenstehender wirklich zumuten? Und falls ja, für welche Leserschaft könnte es hilfreich sein (mal abgesehen von voyeuristischen Anwandlungen einiger Zeitgenossen)? Es ist auf jeden Fall für diejenigen lesenswert, die unter ähnlichen Umständen aufgewachsen sind und hier Parallelen zu ihrem eigenen Leben finden können - und etwas Trost, denn "geteiltes Leid ist halbes Leid". Es bietet auch denjenigen "Futter", die nach Gründen suchen der "klerikalen Bevormundung" zu entkommen. All denjenigen, die aus Mitleid dieses Buch zur Hand nehmen möchten, sei abgeraten dies zu tun - es ist einfach zu "hart" und zu schonungslos.(13.6.2017)