Nach einem mittelmäßigen Anfang entfaltet sich eine berührende und traurige, aber auch hoffnungsvolle Geschichte.
Inhalt:Vollkommen überraschend erhält Harold einen Brief von Queenie, die er seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat, obwohl die beide früher Freunde gewesen sind. In dem Brief teilt sie ihm mit, dass sie todkrank ist. Statt eines Antwortbriefs entscheidet sich Harold für eine große Geste: Er will sich zu Fuß auf den Weg zu Queenie machen, obwohl es eine Strecke von rund 800 km ist. Während Harold unterwegs ist lässt er sein bisheriges Leben mit all seinen Höhen und Tiefen Revue passieren..."Unser Geist ist viel größer, als wir begreifen. Wenn wir fest an etwas glauben, können wir alles schaffen." (S. 23)Er maß die Entfernung nicht mehr in Kilometern, sondern in Erinnerungen. (S. 119)Meine Meinung:Meine Meinung zu diesem Buch hat sich während des Lesens sehr stark verändert. Ich fand den Anfang des Buches zwar gut, aber ich hatte einige Kritikpunkte und deshalb hat es mich positiv überrascht wie sehr sich das Buch im weiteren Verlauf gesteigert hat und wie bewegend ich das Ende fand. Es handelt sich um ein Buch, das ein bisschen Zeit braucht um seine volle Wirkung zu entfalten.Die Grundidee ist eine sehr schöne und besondere: Seiner Freundin Queenie zuliebe entscheidet Harold sich für eine große Geste, die ihr Hoffnung schenken soll. Das soll ihr helfen noch etwas länger durchzuhalten und ihr beweisen, dass er sie nicht vergessen hat und sie ihm noch immer viel bedeutet.Harolds Reise wird sehr lebendig beschrieben. Was er auf seiner Reise erlebt vermittelt einerseits Abenteuer und Lebensfreude, aber zugleich werden auch die physischen und psychischen Strapazen anschaulich beschrieben. Harold kommt mehrfach an seine Grenzen und steht auch einmal kurz davor aufzugeben. Es wird einfühlsam beschrieben wie Harold auf seiner Reise beginnt über sein Leben nachzudenken und wie ihn das emotional aufwühlt. Harold lässt die Höhen und Tiefen seines Lebens Revue passieren, denkt über verpasste Chance nach und setzt sich mit den Fehlern auseinander, die er in der Vergangenheit begangen hat. Man kann sich in diesen Momenten sehr gut in ihn hineinversetzten und fühlt sich ihm nahe.Den Beginn des Buches fand ich noch recht mittelmäßig. Am Anfang war mir die Distanz zu Harold noch zu groß und ich fühlte mich ihm nicht besonders nahe. Das liegt daran, dass man zunächst nicht genügend Einblick in Harolds Gedanken und Gefühle erhält und dadurch fiel es mir schwer seine Beweggründe richtig nachzuvollziehen. Zudem fand ich die Freundschaft zwischen Harold und Queenie lange Zeit nicht wirklich greifbar, weil es im Anfangsteil an Rückblenden gefehlt hat, die einem vor Augen führen was die beiden einander bedeutet haben. Das hätte es aber gebraucht um nachvollziehen zu können warum Harold ihr zuliebe die lange und beschwerliche Reise antritt. Es gab entscheidende Fragen auf deren Antwort man beim Lesen relativ lange warten muss: Wie sind Harold und Queenie Freunde geworden und wie sah diese Freundschaft aus? Wieso hatten Harold und Queenie jahrelang keinen Kontakt mehr, wenn sie doch so gut befreundet waren? Wieso ist Harolds Verhältnis zu seiner Frau und zu seinem Sohn so belastet und distanziert? Warum hat Harold in all den Jahren keinen Versuch unternommen um die Beziehung zu seinem Sohn zu verbessern, wenn ihm das so schwer auf der Seele liegt?Zum Glück haben sich diese Kritikpunkte dann aber in der zweiten Buchhälfte erledigt. Je weiter man im Buch kommt desto mehr offene Fragen werden beantwortet und desto tiefer taucht man auch in die Vergangenheit ein. Dadurch wird die Geschichte tiefgründiger, emotionaler und bewegender als erwartet. Man kann sich besser in Harold und Maureen hineinversetzten, gewinnt die beiden lieb, entwickelt Verständnis und Mitgefühl für die beiden und hofft, dass sich die Dinge für die beiden letztlich doch noch zum Besseren wenden.Es wird eine gelungene Mischung aus fröhlichen, hoffnungsvollen, traurigen und dramatischen Momenten geboten. Besonders die Szenen in denen man in Harolds Vergangenheit reist und von den guten und schlechten Zeiten seines Lebens erfährt bleiben in Erinnerung. Harolds schwierige Kindheit, seine Liebe zu Maureen und die spätere Entfremdung zwischen Harold und seinem Sohn David werden mit sehr viel Feingefühl und sehr berührend beschrieben. Beim Lesen muss man tatenlos "mitansehen" wie sich allmählich ein unüberbrückbar erscheinender Abgrund zwischen Harold und David auftut und schließlich auch zwischen Harold und seiner Frau Maureen. Es geht einem nahe wie jeder von ihnen alleine im Stillen leidet und es ihnen an den richtigen Worten fehlt um sich einander wieder anzunähern. Es gibt vor allem was Harolds Sohn David betrifft einige herzzerreißende Momente, die furchtbar traurig und dramatisch sind. Auch wie Harold die todkranke Queenie nach all den Jahren wiedertrifft ist sehr traurig. Ihr Zustand wird schonungslos beschrieben.Das Ende des Buches ist trotz zutiefst trauriger und dramatischer Momente aber nicht nur wehmütig, sondern auch etwas hoffnungsvoll und es gibt ein bisschen was fürs Herz. Harolds Leben hat sich durch seine Reise in mancher Hinsicht zum Besseren gewendet. Das tröstet einem zumindest etwas darüber hinweg, dass es Queenie bei Harolds Besuch schon so furchtbar schlecht geht. Von der fröhlichen Person, die Harold einst kannte ist fast nichts mehr übriggeblieben und Queenie nimmt seinen Besuch kaum noch wahr und stirbt kurze Zeit später.Fazit:Das Buch wirkt zunächst wie ein durchschnittliches Wohlfühlbuch. Zudem gab es einige offene Fragen und es besteht beim Lesen zunächst noch eine gewisse Distanz zu Harold, aber das gibt sich zum Glück im weiteren Verlauf. Es lohnt sich dranzubleiben, denn nach diesem meiner Meinung nach etwas holprigen und mittelmäßigen Beginn wir man mit einer besonderen, bewegenden, emotionalen und dramatischen Geschichte belohnt, die mich dann doch noch in ihren Bann ziehen konnte.Zum Schluss noch einige besonders berührende Zitate aus dem Buch:Manchmal glaubte er, er lebte mehr in der Erinnerung als in der Gegenwart. Er spielte Szenen aus seinem Leben noch einmal ab, als Zuschauer, der im Draußen gefangen blieb. Er sah die Fehler, die Widersprüche, die falschen Entscheidungen, und konnte doch nichts dagegen tun. (S. 193)"Ich vermisse sie die ganze Zeit. Ich weiß im Kopf, dass sie nicht mehr ist, aber ich halte immer noch nach ihr Ausschau. Geändert hat sich nur eines: Ich gewöhne mich an den Schmerz. Es ist, wie wenn sich im Boden ein großes Loch auftut. Anfangs vergisst man, dass es da ist, und stolpert dauernd rein. Nach einer Weile ist das Loch zwar noch da, aber man hat gelernt, außen herum zu gehen." (S. 254)Es war zu spät, um Vergangenes wiedergutzumachen. Aber sie wollte wenigstens einen letzten Anlauf unternehmen, ihn zum Heimkommen zu bewegen. (S. 289)Und es wäre auch etwas gewesen, wenn er David in die Arme genommen und ihm versprochen hätte, dass es besser werden würde. Nun quälte er sich unendlich wegen Dingen, an denen nichts mehr zu ändern war. (S. 308)