
Besprechung vom 14.03.2026
Erkennen läuft nicht nur über das Gesicht
Erschütterung der Gewissheit des Ichs: Anna Felnhofers Roman "Prosopon" erzählt von einem Mann, der in mehr verletzt wird als nur seiner Eitelkeit.
Von Daniela Strigl
Im Altgriechischen ist "prósopon" beides: die Maske des Schauspielers, aber auch das Gesicht. Und tatsächlich kreist Anna Felnhofers neuer Roman um Fragen der Identität und Erkennbarkeit ebenso wie um Verstellung und Rollenspiel. "Prosopon" erzählt von einem klinischen Fall (eigentlich von zwei Fällen) und damit von unserer sozialen Gegenwart und ihrem Regelwerk: Jeder Defekt wirft ein Schlaglicht auf die Normalität des Funktionierens.
Die Geschichte beginnt in einem Wiener Spital, wir sehen einen Mann und eine Frau und zwischen ihnen im Krankenbett ein Kind, ihr Kind. Man hat sie fünf Monate zuvor, im Oktober 2019, aufgenommen, "zwei vor Verzweiflung fast Verblödete und einen Sterbenden", den siebenjährigen Finn, seinen Vater Jakob und seine Mutter Johanna, die Ich-Erzählerin. Den fatalen Ausgang hat die Autorin also gleich an den Anfang gesetzt, klar ist auch, dass Finn vor seiner Schule überfahren wurde, dass der Hergang nicht lückenlos rekonstruierbar ist und die Mutter dem Vater irgendwie die Schuld daran gibt. Der aber hat eine Geschichte, "die erst erzählt werden muss". Und das tut Johanna denn auch.
Ihr Erzählen ist gleichsam ein Tasten nach dem Beginn, der für sie im Halbdunkel liegt. Aufgewachsen ist Jakob als Johan im Stuttgarter Villenviertel, der Vater verschollen, die Mutter eine Schönheit aus Wien mit massivem Alkoholproblem, eine, die sich an ihrem Sohn vergreift, den sie nicht begreift. Johanna stellt sich vor, wie der Mangel, den die Wissenschaft Prosopagnosie nennt, für Mutter und Kind Gestalt annahm. Der Mutter fällt auf, dass Johan ihr nicht ins Gesicht sieht und Menschen wie Gegenstände zu betrachten pflegt. Als er eines Tages auf der Straße an ihr vorbeigeht wie an einer Fremden, weiß sie sich nur mit Schlägen zu helfen.
Ein befreundeter Psychiater klärt sie auf: Gesichtsblindheit stelle sich oft nach Kopfverletzungen ein, doch manchmal auch ohne Trauma. Die Betroffenen könnten Gesichter nicht wiedererkennen und Personen zuordnen, aber sehr wohl Gemütsregungen darin wahrnehmen. Johan selbst tobt vor dem nachäffenden Ärgernis des Spiegels, er erlebt Gesichter als Ansammlung von Einzelteilen, Mund, Nase, Augen, niemals als Gesamtheit. "Ein Mund aber, das wusste er, machte noch keine Person." Nun versteht er die Reaktion der Mutter: "Jemand ist eine Person, und dann ist er sie nicht mehr, das erträgt kein Mensch." In der Schule wird Johan von Lehrern gemaßregelt, von Mitschülern gemobbt. Nicht-erkannt-Werden verletzt mehr als nur die Eitelkeit, es rüttelt an der Gewissheit des Ichs. Johan wird zum Bücherwurm, träumt sich in fremde Existenzen, die ihn im wirklichen Leben kaltlassen. Der Fünfzehnjährige behilft sich mit einer Liste, in die er alternative Erkennungsmerkmale einträgt, deren häufigen Wechsel laufend notiert. Dieses Bemühen um Vortäuschung sozialer Handlungsmacht provoziert erst recht, die anderen Burschen sorgen dafür, "dass er das Opfer wurde, das er war". Eine fulminante Szene, für die Felnhofer beim Bachmann-Wettbewerb 2021 ausgezeichnet wurde, schildert die Gewaltanwendung als dialektischen Prozess, in dem das Opfer sein Einverständnis dadurch besiegelt, dass es in das Lachen seiner Folterer miteinstimmt.
Der Plural "prósopa" meint im Neugriechischen die Leute, also eine Vielzahl verschwommener Gesichter. Felnhofers Protagonist findet sein Unvermögen, die anderen auf eine Identität festzulegen, bald in der eigenen Existenz gespiegelt. Seinem Lieblingsgott Proteus folgt er in dessen Element, das Meer - als Nichtschwimmer. Und er imitiert ihn als Verwandlungskünstler, ändert häufig seinen Namen, wechselt spurlos den Standort, arbeitet im Fischfang auf den Lofoten, als Mädchen für alles in einer masurischen Ferienanlage oder als Masseur im spanischen Benidorm, wo er zum ersten Mal mit einer Frau das schöne Gerüst des "geregelten Lebens" probiert, das in der Wiener Familiengründung gipfeln wird. Das Nicht-berührt-Werden vom eigenen wie vom fremden Dasein, die mythische Laufbahn von einem gleichmütig bestandenen Abenteuer zum nächsten, erinnern an Fosca, den unsterblichen Helden in Simone de Beauvoirs großer Parabel "Alle Menschen sind sterblich".
Nur über Rollen und kein wahres Ich verfügt auch der Hauptdarsteller in "Prosopon". Wie in ihrem mit dem Franz-Tumler-Preis prämierten Debüt "Schnittbild" (2021) nutzt Felnhofer ihr Wissen als Psychologin souverän, ohne die ästhetische Autonomie des Textes anzutasten. Ihre Fallgeschichten verraten noch ein anderes als das bloß klinische Interesse, das auf den ersten Blick als Movens der Menschenerkundung erkennbar wird. Felnhofers Forschung gilt vor allem der empathischen Frage nach der Lesespur der Gewalt, nach der Innenansicht der Störung: Wie fühlt es sich an, nicht zu funktionieren wie die anderen Leute? Die Sprache, bald nüchtern-präzise, bald von bildhafter Wucht, bewegt sich stets auf der Höhe der intellektuellen Anstrengung, die sich mitunter in der Liebe zu Rätseln äußert: "Es empört sich ein Fisch, der gefangen werden will, über die Unzuverlässigkeit der Netze", lautet eines der Leitmotive des Textes, das sich auf den Helden, aber auch auf die untauglichen Mechanismen der Identitätsfeststellung beziehen lässt - zumal das Recht auf das eigene Gesicht sich heute dank KI als totes erweist.
Mit untergründiger Spannung zieht sich die Spur des zweiten, noch verstörenderen Falles durch die Geschichte: Es ist der von der Erzählerin als Du angesprochene verunglückte Finn, der seine Eltern das Fürchten gelehrt hat; nicht als erblich belasteter Gesichtsblinder, sondern als sadistisch veranlagter Gewalttäter von stupender Fühllosigkeit, zwischendurch freilich ein Kind wie jedes andere. Die drei seltsamen Märchen um Verwechselbarkeit und Ich-Verlust, die Jakob für seinen Sohn erfindet, mögen zu den beiden passen, sie irritieren im Ganzen dennoch durch ihre artifizielle Verschrobenheit.
Erkennen läuft nicht nur über das Gesicht. Die heraufdämmernde Erkenntnis von Finns Wesen lässt jedenfalls das Verhalten des Vaters am Unfallort in einem anderen Licht erscheinen. Liebe, Angst und Hass, das zeigt Anna Felnhofer mit bewundernswerter Subtilität, lassen sich nicht feinsäuberlich auseinanderklauben.
Anna Felnhofer: "Prosopon". Roman.
Luftschacht Verlag, Wien 2026. 257 S., geb.
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