Hands down: Einer der besten Erzählbände, die ich je gelesen habe.
Ganz zu Anfang des Jahres las ich Carmen Maria Machados ersten Roman, "Das Archiv der Träume", und war begeistert von der zwingenden und zugleich offenen Struktur dieses Buches, in dem es um Begehren, Gewalt in Beziehungen (zwischen Frauen*), aber auch um das grundsätzliche Problem der Narration geht: sie ist in der Regel etwas Lineares, will aber meist Verhältnisse und Welten abbilden, die viele Dimensionen haben. Machado gelang es, diese Dimensionen in der Struktur ihres Werkes abzubilden (ich habe die Struktur in meiner Rezension näher beschrieben).Auch in ihren Debüt, dem Erzählband "Ihr Körper und andere Teilhaber", gibt es teilweise außergewöhnliche formale Ansätze. Das klarste Beispiel hierfür ist der längste Text "Besonders heimtückisch", der sich als Episodenguide von Law & Order: Special Victims Unit ausgibt (siehe Beispielfotos). In 12 Staffeln und 272 Folgen werden Verbrechen (vor allem gegen Frauen) geschildert, aber es gibt auch übergreifende Handlungsstränge, Plottwists, Antagonisten, etc. Machado parodiert, teilweise bis zum Kalauer, die Klischees solcher Serien und ihrer Erzählstruktur, nutzt sie aber auch, um zu zeigen, was solche Serien uns erzählen könnten, gingen sie über den bloßen Kriminalplot, mit gelegentlicher Sozialkritik, hinaus, würden sie ihre Inhalte breiter kontextualisieren.Z. B. Im Hinblick auf Gewalt gegen Frauen, ein Thema, das sich durch den Band zieht. Aber auch jenseits davon sollte man sich auf eine aufwühlende, nicht immer leicht zu verdauende Literatur gefasst machen. Es geht viel um Körperlichkeit, psychische Probleme, Sexualität in allen Facetten, die Texte zeigen auch apokalyptische Tendenzen, Verfall und Krankheit kommen immer wieder vor.Bekömmlich nicht, aber ungemein lebendig, ist dieses Buch; das Gegenteil von klinisch und glatt, unbequem, bringt sich selbst und die Leser*innen aus dem Gleichgewicht, lässt sich nicht schnell oder einfach konsumieren. All das will ich als Kompliment begriffen sehen, denn Dank der Sinnlichkeit, die dieser erzwungenen näheren Auseinandersetzung entspringt, gehören diese Texte zu der besten Literatur, die ich in den letzen Jahren gelesen habe. Ihre Sprache ist nicht kryptisch, dafür in entscheidenden Momenten poetisch oder sogar komisch und macht aus so manchem vagen Unbehagen etwas Handfestes. Denn egal ob es um die Verschmelzung von Sex und Apokalypse geht oder Frauen, die von einer Krankheit betroffen sind, bei der sie buchstäblich verschwinden, körperlos werden oder eine phantastische Welt, in der alle Frauen um den Hals einen gestickten Kragen tragen, der auf keine Fall gelöst werden darf: Machado erzählt Geschichten Geist, Witz und Aufwühlfaktor 10. (Die Übersetzungen stammen von Anna-Nina Kroll).