Ein wichtiges Korrektiv
Ich habe das Buch mit der grössten Faszination gelesen. Als Germanistin hätte ich nie gedacht, dass ich mir jemals ein Buch zulege, in dem es um Operationstechniken geht, wo das OP-Besteck minutiös beschrieben wird und man es mit Menschenschicksalen zu tun bekommt, die unter die Haut gehen. Das Buch besticht durch die Haltung des Chirurgen zu seinem Fach, die in der Detailtreue der Schilderungen durchdringt. Man hat es hier mit jemandem zu tun, der dem Dünnsten und Zerbrechlichsten des menschlichen Körpers mit Ehrfurcht begegnet. Die Demut des Chirurgen sowie dessen Entmystifizierung - ein Leitmotiv des zügig, aber dennoch sorgfältig verfassten Textes, den man besser mehrmals lesen sollte. Während der ersten Lektüre hatte ich als Nichtmedizinerin den Impuls vorzublättern, wenn es medizinisch zu sehr ins Detail ging. Doch dann nahm ich das Buch ein zweites, ein drittes und ein viertes Mal in die Hand und las die einzelnen Schritte der Operationen als eine Art Meditation, in die auch der Chirurg während eines Eingriffs gerät. Hier wird nichts nach Schema F vollzogen, jeder Schritt ist wohlüberlegt und zugleich intuitiv, geführt von der Notwendigkeit der jeweiligen Umstände. Das Gehirn gibt den Ton an. Der Arzt öffnet den Schädel, danach weiss er nicht, was ihn erwartet - eine Gefässverzwickung, die auf dem Röntgenbild nicht zu sehen war, eine unerwartete Blutung, eine Gefässwand, die sich zu schnell verhärtet und das Nähen unmöglich macht. Der Chirurg ist hier nicht über die Natur erhaben, vielmehr stellt er sich ihr, wie ein Feuerwehrmann, der einen Waldbrand zu löschen versucht, ohne Scheu, das eigene Leben dabei auf Spiel zu setzen. Professor Vajkoczy beschreibt eindrücklich, wie auch der Chirurg der Leidtragende ist. Den Tod eines Patienten, um dessen Leben man nächtelang gerungen hat, gilt es zu verarbeiten. Durch Fehleranalyse im Team. Durch Selbstreflexion. Eine sanfte und gutgemeinte Berührung kann eine fatale Kettenreaktion zur Folge haben. Das hat man weder beabsichtigt noch kommen sehen. Es geht nicht spurlos am Menschen Vajkoczy vorbei. Und das, schreibt er, ist eine Haltung, die es zu kultivieren gilt. Das Talent, die Gefühle an sich heranzulassen. Nicht abzustumpfen, sondern empfänglich zu sein für die Reise ins eigene Innere, auf die einen die Operation am Gehirn mitnimmt. Dieses Talent will genauso diszipliniert erlernt werden wie das Führen des Messers und das Bedienen des Bohrers. Talent, so lässt Vajkoczy durchblicken, geht mit Leidensfähigkeit um eines höheren Zwecks willen einher. Hier geht es um das Leben des Patienten, seiner Angehörigen und nicht zuletzt auch um den Einsatz vieler Menschen. Bis zu zehn Menschen bringen ihre Fähigkeiten im OP ein, davor beginnt die Vorbereitung schon bei der Frage nach korrekten Auswertung der Röntgenbilder. Auf den Eingriff folgen Visite, Reha und die Wiedergewinnung des Alltagslebens. Die OP ist keine auf eine sonstige Problematik aufgepfropfte Behandlung, wie im Falle einer Grippe, die kommt, behandelt wird und vergessen geht. Die OP ist eingebettet in ein komplexes Gefüge zwischenmenschlicher Beziehungen, vor und nach dem Eingriff an sich. Es ist diese wohlproportionierte Mischung aus fachlichem Wissen und Können sowie die Ermahnung, über die Beherrschung der Instrumente, die Menschlichkeit nicht zu verlieren, die das Buch für mich zum Wertvollsten macht, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Ein Korrektiv für uns alle, in dieser emotional abgebrühten Welt des 21. Jh.