Utopien gelingen als Bücher noch dann und wann, auch wenn sie nicht mehr wirklich angesehen sind; Dystopien dagegen misslingen literarisch eigentlich fast immer - es liegt in ihrer Natur. Denn statt Anworten zu haben, liefern sie meist nur noch mehr Fragen, Ideen ohne Ende und Anfang, verlangen dabei ein umfassendes, lückenloses Fundament und außerdem hat die wahre Dystopie mit ihrer Niederschrift meist schon sich selbst besiegt/wiederlegt, zumal wenn sie wirklich konkret prophetisch sein will und die echten Dystopien werden meist eben gerade nicht vorhergesehen. Trotzdem gibt es einige wenige gelunge Ausnahmen ( 1984 z.B. und meiner Meinung nach auch Im Land der leeren Häuser von P.D. James, eher bekannt unter dem englischen Titel der Verfilmung " Children of Men ").Manche meinen, Christian Kracht hätte sich mit diesem Buch an einer Dystopie versucht. Und man wird ja auch erst mit einer scheinbar ganz neuen Welt konfrontiert, da redet man in neuer Sprache, darin neue Ausdrücke, neue Länder, neue Bündnisse, Waffen, Festungen und Juntas, Armut, zerstörte Landschaften, ewiger Krieg. Es mutet anfangs an wie ein rasch aufgeworfenes Länder-Kriegs-Spiel eines historisch begeisterten Jungen. Und bis es richtig haarsträubend wird, kommt es auch nicht darüber hinaus. Als würde nicht Kracht, aber der Ich-Erzähler plötzlich das Interesse verlieren und schließlich, Nebel allen Lichtern, die noch einen Funken Realität in der Geschichte suchen, verschwinden."Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" ist der Endpunkt einer Trilogie, die mit Faserland begann und deren Mittelteil das von mir favorisierte Werk 1979 bildet. Was die Bücher miteinander verbindet ist kein Handlungsstrang, sondern ihr kontinuierlicher Realitäts-Abstieg - vom greifbaren, verschwommenen Ich-Sein in Faserland, über das verworrene Geflecht aus Historie, Mystik und Nichts in 1979, bis zum gänzlich abstrakten Alptraumabenteuer in diesem Buch. Nichts ist zuletzt mehr echt, bis auf ein paar ganz kleine Teile dazwischen, wo am Anfang noch alles echt war, bis auf ein paar Teile dazwischen.Vielleicht scheint es, als würde ich wirr oder willkürlich über das Buch schreiben. Aber unter dem Einfluss der Lektüre ist wenig mehr möglich als dies; zu sehr ist das Lesen bei Kracht eine phantastische, ja geradezu abstrakte Tätigkeit.Zusammenfassend: Es ist ein sehr kafkaeskes Buch, das trotzdem hier und da überraschend schön und interessant ist. Der sich wie eine Brausetablette auflösende Sinn, der schließlich die ganze Geschichte in einen tiefen, unerschließbaren Ton taucht, ist wie immer bei Kracht, nicht als Hindernis, sonders als Daseinsgrundlage seiner Kunst zu sehen. Wer das nicht kann, sollte das Buch lieber nicht lesen. Er wird entweder deprimiert sein oder wütend.