
Einer flog über das Kuckucksnest - Ein tragikomisches Meisterwerk über den Kampf des Einzelnen gegen ein repressives System.
In Ken Keseys bahnbrechendem Roman
Einer flog über das Kuckucksnest wird die Geschichte der Insassen einer psychiatrischen Anstalt mit schonungslosem Realismus, beißendem Humor und tiefer Sympathie für die Unterdrückten erzählt. Der rebellische Randle Patrick McMurphy führt einen erbitterten Machtkampf gegen die autoritäre Oberschwester Ratched, die mit allen Mitteln versucht, den Geist der Patienten zu brechen. Doch McMurphy lehnt sich auf und inspiriert die anderen zu einem Akt der Befreiung.
Keseys Klassiker der Beat-Generation ist ein eindringliches Psychodrama und ein leidenschaftliches Plädoyer für Individualismus und Menschlichkeit. Die unvergesslichen Charaktere und die mitreißende Erzählung machen
Einer flog über das Kuckucksnest zu einem der bedeutendsten Werke der amerikanischen Nachkriegsliteratur. Meisterhaft verfilmt von Milos Forman mit Jack Nicholson in der Hauptrolle, wurde der Roman zu einem Kultbuch, das auch heute nichts von seiner Brisanz verloren hat.
"Eine der wichtigsten literarischen Publikationen der Nachkriegszeit." NDR
Besprechung vom 15.11.2025
Da ist wieder einmal der große Weltumwandler am Werk
Aberwitz als Prinzip: Ken Keseys Roman "Seemannslied" erscheint nach mehr als dreißig Jahren endlich auf Deutsch.
Versuchen wir diesen letzten großen Wurf des amerikanischen Kultautors Ken Kesey einem Hollywood-Produzenten zu pitchen und zwar so, dass er gleich ein Produktionsschiff nach Alaska schickt und unverzüglich mit den Dreharbeiten beginnt: Ein verschlafenes Fischernest im Alaska der Achtzigerjahre; die Bewohner sind zum Großteil skurrile Gestalten - Nachfahren von weißen Goldsuchern und Indigenen, die dem Lachsfang im Zeichen schon schmelzender Polkappen nachgehen, verkommene Motels betreiben oder die Bowlingbahn hinter der örtlichen Müllkippe. Eines Tages bekommen die Bewohner dieses fiktiven Städtchens namens Kuinak Besuch von einer Segelyacht aus Hollywood. Das indigene Kinderbuch "Shoola und der Seelöwe" soll am Originalschauplatz mit einer Schauspielerin von den Baffins - einer arktischen Inselgruppe, die ganz woanders liegt als Alaska - verfilmt werden. Es stellt sich zudem heraus, dass die Autorin des Polarmärchens eine weiße Mathelehrerin aus New Jersey ist und der Illustrator ein amerikanischer Jude. Zudem ist der Regisseur ein weltberühmter weißer Typ aus den Südstaaten: "Gerhardt Luther Steubins, ausgezeichnet mit vier Oscars, fünf Ehrendoktorwürden und sechs Vaterschaftsklagen". Alles nicht optimal.
Aber in dieser gigantischen Babuschka von einem Roman herrscht sowieso strukturelles Chaos. Da ist die Frage zur kulturellen Identität bloß ein Kieselstein im großen Erzählmahlwerk. Und das wird hauptsächlich gesteuert von Alice Carmody, der resoluten Chefin einer Fischereikooperative. "Man nannte sie die angriffslustige Aleuten-Alice, dabei war sie gar keine Aleutin, sondern eine der letzten echten Kuinak", heißt es im Roman. Jedenfalls muss man in der Weltliteratur lange nach solch einem weiblichen Rumpelstilzchen mit Wodkafahne und schrillen Klamotten suchen. Einer ihrer treuen Angestellten ist Ike Sallas, ein Umweltaktivist mit Knasterfahrung. Und da ist Emil Greer, ein berüchtigter Nordpol-Casanova mit karibischen Wurzeln. Zusammen mit Ike haust er in einem Wohnwagen am Rande der Müllkippe, die wiederum von einer Rotte Wildschweine bewohnt wird.
Produzent des vermeintlichen Indigenenmärchens ist ein Mann namens Nicolas Levertov. Es handelt sich um Alice Carmodys Sohn, den sie als junges Ding ohne Angaben zum Erzeuger bekommen hat, um ihn dann für ein Kunststudium in Kalifornien wieder zu verlassen: "Sie hatte die Nase voll von dem erbärmlichen Schlammloch namens Kuinak, von abtrünnigen Deaps, von ihrem betrunkenen, lärmenden Vater, von ihrem ganz besonders besonderen Kind, von den mitleidigen Blicken in ihrer Heimatstadt und von ganz Alaska, schönen Dank auch. Sie würde am San Francisco Art Institute studieren. Und ein richtiges California Girl werden, wie sie ihrer Schulfreundin Myrna Hoogstratten erhobenen Hauptes mitteilte. Und das Kind? Das konnte die Kirche behalten."
Der arme Junge hatte es also nicht leicht. Als der Verstoßene in der Rolle eines Hollywood-Großmauls zurück in seine Heimat kommt, in der auch Alice inzwischen wieder sesshaft geworden ist, bahnt sich eine Multikatastrophe an, bei der viele gebrochene Männer auf schwankenden Fischkuttern herumstolpern, Schusswaffen zum Einsatz kommen und Rachefeldzüge, die sich außerhalb des Drehbuchs befinden, ihren Lauf nehmen. Aber warum Alaska? "Weil Alaska nämlich das Ende ist, das Finale, der allerletzte Traum des Pioniertums. Hinter Alaska kommt nichts mehr." So steht es in Ken Keseys "Seemannslied". Und wer jetzt nicht zuschnappt, egal ob als Filmemacher oder Leser, der ist selbst schuld.
Kesey wurde mit seinem Roman "Einer flog über das Kuckucksnest" Anfang der Sechzigerjahre berühmt. Die Verfilmung mit Jack Nicholson (1975) wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet und machte Kesey auf einen Schlag berühmt. In den Jahren zwischen Buch und Film hatte der überzeugte Hippie von sich reden gemacht als LSD-Apostel und Happening-Künstler, der zusammen mit den "Merry Pranksters", kalifornischen Kommunarden, in einem bemalten Schulbus durch Amerika tourte, wovon der New-Journalism-Star Tom Wolfe in seiner Reportage "Der Electric Kool-Aid Acid Test" ebenfalls filmreif berichtete.
Nach mehreren Drogendelikten, einer spektakulären Flucht nach Mexiko und anderen Volten in seinem Leben zog sich Kesey auf eine Farm nach Oregon zurück, wo er 1992 seinen dritten und letzten Roman fertigstellte: das jetzt von Milena Adam ins Deutsche gebrachte "Seemannslied". Es ist eine apokalyptisch aberwitzige Scharteke. Die Übersetzerin navigiert ihre heikle Fracht dabei souverän durch die schmalen Fahrrinnen zwischen Slang und Seemannssprache. Analog zu den Wirbelstürmen im Buch erzeugt sie damit einen Sog, der die zahllosen Ereignisse dieses Romans effektvoll durcheinanderwirbelt.
Das "Seemannslied" versammelt noch einmal alle Themen und Typen des großen Weltumwandlers Kesey. An der Peripherie des amerikanischen Traums sammeln sich notgedrungen Menschen mit besonderen und nicht zwangsläufig legalen Lebensweisen. Ein australischer Proktologe, dem die Zulassung entzogen wurde, betreibt in Kuinak einen Radiosender. Ein schmieriger Lokalreporter setzt die Provinzzeitung "Bay Beacon" zur Not auch per Kartoffeldruck. Alice Carmodys Ehemann Michael ist ein britischer Seebär, der sich gerne das ein oder andere außereheliche Abenteuer leistet und dabei derbe Seemannslieder schmettert. Und im Hinterland Richtung Yukon treibt ein religiöser Eiferer sein Unwesen. Er prophezeit seinen Jüngern ein Ende im Höllenschlund, was die biblische Fassung des Global-Warming-Problems ist, von dem Ken Kesey in den Achtzigern bereits Kenntnis hatte.
Eine Fahrt aus dem ehemaligen Goldgräberstädtchen Skagway ins tiefer gelegene Kuinak erfolgt per Draisine ohne Bremse. Wie die Übersetzerin im Nachwort schreibt, hat dieses Gefährt auf der stillgelegten White-Pass-Yukon-Zugstrecke tatsächlich existiert. Kesey inszeniert die Talfahrt rasant: "Dieser Höllenritt führte bloß ewig abwärts, vorbei an senkrechten Steilwänden, peitschenden Farnen und Scheinbeersträuchern, durch mörderische Steilkurven an Geröllhängen, über krachende Pfahlbrücken und durch in den Fels gesprengte Steintunnel, in denen sich Braun- und Waschbären erschrocken an die Tunnelwand pressten, um das kreischende Ungetüm vorbeirattern zu lassen."
Der Roman bietet unzählige solcher Actionszenen. Und zahlreiche eher diskret erzählte Liebesgeschichten. Am Ende hat Kesey etwas zu stark am Außenborder seines Romans gezogen, sodass die Geschehnisse teilweise übergangslos an den Lesern vorbeirauschen. Es verblasst aber ohnehin auf den letzten hundert Seiten alles, was in den zwischenmenschlichen Bereich gehört, denn das Meer vor Kuinak gerät in ein elektromagnetisches Feld, das alle Naturgesetze auf den Kopf stellt. Ein mythisches Zeitalter bricht an auf hoher See - oder auch einfach nur die große Klimakatastrophe. Doch Kesey wäre nicht Kesey, wenn das irgendwie hochtrabend klänge bei ihm: "Wie Speck in der Pfanne", beschreibt Emil Greer seinem Freund Ike das Phänomen: "Wie ein langer Streifen Speck, fünfhundert Meter lang und fünf Meilen hoch. Hauchfein geschnitten. Ssssszzzz . . ." KATHARINA TEUTSCH
Ken Kesey: "Seemannslied". Roman.
Aus dem amerikanischen Englischen von Milena Adam. Vorwort von
Volker Weidermann.
März Verlag, Berlin 2025.
704 S., geb.
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