Poetisch erzählte, tiefgründige Liebes- und Familiengeschichte vor dem Hintergrund des Zypernkonflikts der 70er Jahre
Zugegeben: Man muss sich erst einmal darauf einlassen, dass die Ich-Erzählperspektive in diesem Buch von einem Feigenbaum ausgefüllt wird. Doch dadurch kommt nicht nur eine Art Metaebene, sondern auch die Perspektive der Flora und Fauna in diese vielschichtige Erzählung rund um das tragische Liebespaar Dafne und Kostas. Dafne ist eine junge türkische Frau und Kostas ein Grieche. Beide sind Bewohner der Insel Zypern in den 70er Jahren und müssen ihre Liebe geheim halten, unterstützt werden sie von den Besitzern der Taverne "Zur glücklichen Feige", in der tatsächlich ein Feigenbaum wächst, die Ich-Erzählerin. Die Perspektive der menschlichen Protagonisten wird aus der dritten Person berichtet.Als Mitte der 70er der Bürgerkrieg in Zypern ausbricht wird das Paar scheinbar endgültig auseinandergerissen - für ein Vierteljahrhundert. Bis Kostas als renommierter Botaniker wieder in seine Heimat zurückkehrt und auf Dafne trifft, die sich an der Identifizierung der zahlreichen Opfers des Bürgerkriegs beteiligt, dem auch ihre Freunde, das schwule Paar, das die Taverne betrieben hat, zum Opfer gefallen ist, wie am gleich zu Beginn des Romans vom Feigenbaum erfährt.Ebenfalls klar ist, dass die beiden wieder zusammen kommen, denn gleich zu Beginn lernt man die Teenager-Tochter, Ada, der beiden kennen, die mit ihren Eltern in London lebt, entwurzelt, obwohl sie das Land, aus dem ihre Familie stammt, noch nie bereist hat. Der Tod der Mutter hat ihren Vater Kostas zudem gewissermaßen erstummen lassen. Wie er mit dem aus einem aus einem Spross in London gezogenen Feigenbaum umgehen muss, weiß er- trotz der Widrigkeiten des englischen Klimas, im Umgang mit seiner trauernden Tochter ist er überfordert. Mit Meryem, Dafnes Schwester, der letzten wagen Verbindung zur Vergangenheit, versucht er einen Brückenschlag zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, dem fehlenden Puzzelteil in Adas biografischer Identität. Ich liebe Shafaks Erzählstil, der immer auch ein wenig einen märchenhaft-poetischen Aspekt mit einbringt, und scheinbar mühelos die Geschichte eines in Vergessenheit geratenen Konflikts mit dem individuellen Schicksal einer Familie und deren unmittelbaren Umfeldes verknüpft. Es gelingt ihr zu zeigen, wie diese Konfliktlinien "unter der Oberfläche" bis heute Einfluss auf die Menschen haben und dass auch scheinbar unbeteiligte, wie Ada, die lange nach dem Bürgerkrieg geboren wird und in London lebt, von diesen Traumata ihrer Familie gezeichnet ist.Die Figuren sind lebendig und authentisch, haben einen sehr individuellen und gut ausgearbeiteten Charakter, man wird in ihre Geschichte hineingezogen und bekommt die Augen geöffnet. Das ist, was ich von Büchern erwarte: Sie sollen meinen Blick öffnen.Ein ganz klare Leseempfehlung!