Margaret Atwoods "Penelope und die zwölf Mägde" hat mich gleichermaßen beeindruckt wie enttäuscht.Sie legt hier eine pointierte und überraschend moderne und auch leichtgängige Neuerzählung der Odyssee vor. Besonders stark ist das Buch dort, wo es die vertraute Heldengeschichte aus weiblicher Perspektive aufbricht: Penelope kommentiert den Mythos und die männliche Heldenerzählung mit scharfem Witz, und die zwölf Mägde erhalten endlich eine Stimme, die die patriarchalen Strukturen des Originals sichtbar macht. Die Mischung aus Prosa, Chorpassagen und anderen spielerischen Formen verleiht dem Text eine ungewöhnliche Energie und zeigt Atwoods literarische Vielfalt.O-Töne : "Wieso mussten die Mägde hängen?" und "Welche Absicht verfolgte Penelope wirklich? Die Odyssee beantwortet diese Fragen...nicht, der Text enthält in dieser Hinsicht schlicht zu viele Ungereimtheiten.""Aus der Distanz mögen Männer eine kluge Frau bewundern, aber Auge in Auge ziehen sie schlichte Nettigkeit vor - falls nicht zufällig etwas Heißeres daherkommt.""Neun Monate lang segelte er über die weinroten Meere des mütterlichen Blutes..." (Geburt Telemachos)"Menelaos war strohdumm und besaß etwa so viel Stil wie ein Sack Riesenbohnen.""Sobald den Bürschchen die ersten Barthaare sprießen, werden sie unausstehlich."(Im Gerichtssaal:) "Sie da oben an der Decke, kommen Sie sofort runter und stellen Sie die Tierlaute ein. Und Sie, Madam,...bedecken Sie ihre Brust und legen sie den Speer weg."...Gerade die literarischen Experimente sind jedoch auch der Punkt, an dem das Buch nicht immer überzeugt. Manche Passagen wirken bewusst künstlich oder überinszeniert, sodass die formale Raffinesse gelegentlich auf Kosten der erzählerischen Wirkung geht. Die Mägde sind keine echten Figuren, sondern ein abstraktes Wir, bleiben so nur literarisches Mittel, so gut die Idee sie als antiken Chor im Wechsel mit Penelope erzählen zu lassen, auf den ersten Blick ist.Auch Atwoods Humor trifft nicht durchgehend: Der flapsige Ton, der an manchen Stellen funktioniert, wirkt an anderen völlig unpassend, auch angesichts der Schwere des Stoffes. Zudem entfaltet das Buch seine volle Wirkung nur, wenn man Homers Odyssee gut kennt - ohne dieses Vorwissen sind viele Anspielungen kaum verständlich. Hier bleibt mir die Zielgruppe unklar, zumal die Sprache entsprechend der gewählten umgangssprachlichen Tonart meistens sehr schlicht ausfällt.Fazit: Trotz dieser Einwände bleibt Atwoods Version ein kluges, witziges und zeitgemäßesSpiel mit einem alten Mythos,mit der schönenHelena als "It-girl"und endlich einerAnklage der Doppelmoral für die Mägde. Atwoods Penelope ist klug undbissig, dabei selbstironisch, und sie kommentiert mit trockenem Witz, der vielleicht Manchen besser gefällt als mir persönlich.Kein vollkommen rundes Werk, aber eines, dasDenkanstößeliefert und die vertraute Erzählung auferfrischende Weise neubeleuchtet. Für alle, die sich fürfeministische Mythennacherzählungeninteressieren, ist es trotzdem lesenswert, allerdings mehr als leichter literarischerSnackdenn als tiefgründige Lektüre.