George Orwell wird gerne herangezogen, wenn es um das Element der Vorsehung geht: sein Roman "1984" ächzt Jahr um Jahr unter einer Tonne von Vergleichen, in denen behauptet wird, daß dieser oder jener Zustand/Umgang in der Gegenwart alarmierende Parallelen mit den Vorgängen in Orwells Dystopie aufweisen würde.Manche dieser Vergleiche sind angebracht, viele aber zeugen von einem Mangel an Verständnis für das Werk Orwells. Denn obgleich er ein großer Skeptiker in Bezug auf alle ideologischen Denkmuster war, können nur jene (bspw. die, die mit Zitaten von ihm gegen "Gendern", "Cancel Culture" oder "Wokeness" wettern) ihn für sich vereinnahmen, die ihn missverstehen oder sein Werk einseitig deuten.Orwell war ein scharfsinniger, visionärer, aber auch pragmatischer Autor. Gerade das macht ihn heute noch lesenswert, vor allem (neben den späten Romanen) seine Essays. Hier findet man keine unreflektierten Be-/Verurteilungen, sondern sehr sorgfältig vorgebracht Thesen zu Themen seiner Zeit - wobei die Einsichten, zu denen er kommt, weit über seine Gegenwart hinausweisen.Ganz gleich ob Antisemitismus, ideologische Gutgläubigkeit, schriftstellerische Integrität, Heldenverehrung, class, Imperialismus, Pazifismus: Orwell spricht über Dinge, die, denkt man einige Details um, aktueller nicht sein könnten. Und sein unbestechlicher Blick, seine Argumentationen, führen zu vielen vernünftigen Ansätzen.Ja, ich gehe soweit: beim Gang durch das ideologische Minenfeld unserer Zeit, ist Orwell ein guter Guide; er weiß wo die Minen liegen und warum man selbst nicht nur eine gute zu bösen/dummen Spielen machen sollte.