sehr intellektuell und gewollt, erst das Ende hat mich noch etwas versöhnt
Felwine Sarr zählt zu den bedeutenden Intellektuellen Afrikas. Der gebürtige Senegalese lebt abwechselnd in seiner Heimat und in den U.S.A. und lehrt als Professor für Ökonomie an der Universität in Durham. Mit "Die Orte, an denen meine Träume wohnen" legt er seinen ersten Roman vor, nachdem er zuvor bereits Erzählungen und Kurzprosa veröffentlicht hat.Ich habe mich mit diesem Roman zunächst ausgesprochen schwergetan. Bereits vor einem Jahr hatte ich begonnen, ihn zu lesen, ihn dann aber abgebrochen. Nun habe ich ihm eine zweite Chance gegeben und ihn noch einmal gelesen, diesmal bis zum Schluss. Die Grundidee klang von Anfang an interessant: Im Mittelpunkt steht ein senegalesisches Zwillingsbrüderpaar, das zwei völlig unterschiedliche Lebenswege einschlägt. Während Fodé in der Heimat als Schreiner arbeitet und zusätzlich ein spirituelles Amt als Initiationsmeister übernimmt, verlässt sein Bruder Bouhel den Senegal, um in Frankreich Semiologie und Komparatistik zu studieren. Zwei Brüder, zwei Welten - die Voraussetzungen für einen spannenden Roman über Identität, Herkunft und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben sind also vorhanden.Trotzdem hat mich die Lektüre über weite Strecken eher angestrengt als begeistert. Besonders die ersten drei Viertel des Buches empfand ich als schwierig zugänglich. Einerseits ist der Roman häufig sehr intellektuell und philosophisch aufgeladen. Immer wieder musste ich Passagen recherchieren und mehrfach lesen, um zumindest ansatzweise zu verstehen, worauf Sarr hinauswill. Andererseits entwickelt sich die Handlung über weite Strecken sehr langsam und gemächlich. Die Geschichte schreitet nur zögerlich voran, sodass ich mich mehrfach dazu zwingen musste, weiterzulesen und das Buch nicht erneut abzubrechen.Manches wirkt auf mich dabei etwas zu gewollt literarisch. Ein Beispiel ist die Formulierung, eine Figur habe ein Haiku "zufällig aus einem vom Aussterben bedrohten Gegenstand namens Buch gefischt". Diese Bemerkung empfand ich eher als bemüht originell denn als überzeugend. Die Vorstellung, Bücher seien vom Aussterben bedroht, wirkt angesichts der Realität mit jährlich rund 60.000 Neuerscheinungen allein in Deutschland und schätzungsweise zwei Millionen Veröffentlichungen weltweit doch etwas überzogen.Erschwert wurde mein Zugang außerdem durch die häufigen Wechsel der Ich-Erzähler. Neben den beiden Brüdern kommt auch Bouhels polnische Freundin zu Wort. Leider ist nicht immer eindeutig erkennbar, aus welcher Perspektive gerade erzählt wird. Weder die Kapitelüberschriften noch die Erzählstimmen geben ausreichend Orientierung. Da die kurzen Kapitel stilistisch zudem oft sehr ähnlich gestaltet sind, musste ich mich immer wieder neu sortieren.Der Roman machte es mir nicht leicht, eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Gerade die ersten drei Viertel empfand ich als zäh und teilweise distanziert. Erst im letzten Viertel verändert sich mein Eindruck deutlich: Plötzlich gewinnt die Geschichte an Dynamik, nimmt Fahrt auf und entwickelt eine ungeahnte Intensität. Die großen Fragen, die Sarr verhandelt, treten stärker hervor: Fragen nach Identität, Schicksal, Verlust, Liebe und dem Spannungsverhältnis zwischen Vernunft und Gefühl.Mein Fazit fällt deshalb ambivalent aus: "Die Orte, an denen meine Träume wohnen" ist kein einfacher Roman und sicherlich keine leichte Lektüre. Er fordert Geduld und Bereitschaft, sich auf seine philosophischen, spirituellen und poetischen Ebenen einzulassen. Auch wenn mir der Zugang lange schwerfiel, enthält das Buch durchaus interessante und ungewöhnliche Gedanken. Es ist ein Roman über Identitätssuche, Schicksalsschläge und die Suche nach dem eigenen Weg - sperrig, anspruchsvoll und in Teilen beeindruckend.