Des Mauren letzter Seufzer ist eine fast 90 Jahre umfassende Familiengeschichte, die gleichzeitig auch eine Geschichte des modernen Indiens ist. Erzählt wird sie von Moraes Zogoiby, genannt Moor, dem jüngsten und letzten Sprössling dieser Familie. Beginnend bei seinen Urgroßeltern um die Jahrhundertwende bis zum Beginn der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts berichtet er von den Geschehnissen, die seine Familie und sein Land prägen. Der Moor lässt sich dabei neben Benjamin Button und Dorian Gray einreihen: Während diese beiden rückwärts bzw. gar nicht altern, so altert der Moor doppelt so schnell wie normale Menschen. Geboren in den Fünfzigerjahren hat er am Ende des Romans bereits ein Greisenalter erreicht. Und sein Leben ist nicht gerade ereignisarm.Des Mauren letzter Seufzer war nach Mitternachtskinder und Harun und das Meer der Geschichten (beides extrem gute Bücher) mein dritter Roman von Salman Rushdie. Ich war daher mit seiner sehr ausschweifenden Erzählweise bereits vertraut. Mir war auch von Beginn an, nicht zuletzt durch die Sprache, klar, dass das Buch etwas besonderes ist. Dennoch tat ich mir am Anfang schwer damit und brauchte wirklich lange um in die Erzählung hineinzukommen. Im mittleren Teil flog ich dann nur so durch die Seiten. Dann kam jedoch der sehr langatmige letzte Teil und erst gegen ganz zum Schluss nahm die Erzählung wieder an Fahrt auf. 100-150 Seiten weniger hätten nichts geschadet.Bei allen Ausschweifungen und Längen kamen mir aber gleichzeitig auch einige Dinge zu kurz: das betrifft zum Teil die indische Geschichte (viele Entwicklungen hätte ich ohne Wissen aus anderen Büchern vermutlich nicht verstanden), zum anderen den Tod der einzelnen Familienmitglieder. Diese waren oft so plötzlich verschwunden, dass ich noch einmal zurückblättern musste, ob ich nicht etwas überlesen hatte.Insgesamt überzeugte mich das Buch dennoch, insbesondere sprachlich: das war teilweise schon große Kunst.