Enemies-to-Lovers, geheime Identitäten und moralisch graue Figuren sorgen für Spannung, Gefühl und winterliche Dark-Fantasy-Atmosphäre
Mit Queen of Thieves and Shadows legt Rebecca Humpert einen bemerkenswert eigenständigen Romantasy-Roman vor, der sich wohltuend vom gegenwärtigen Fantasy-Mainstream abhebt. Die Autorin verbindet Elemente irischer Mythologie mit politischer Intrige, moralischer Ambivalenz und einer dichten, winterlich-düsteren Atmosphäre zu einer modernen Robin-Hood-Interpretation mit klarer feministischer Perspektive.Im Zentrum steht Elaine, eine 24-jährige Heilerin, die am Hof des jungen Königs Kieran dient und zugleich ein gefährliches Doppelleben führt. Nachts ist sie Anführerin der Gadaí, einer Gruppe von Räuberinnen, die das Blut der Göttin Danu in sich tragen und die Rückkehr der rechtmäßigen Herrschaft vorbereiten. Elaine bewegt sich damit permanent zwischen Loyalität und Verrat, Nähe und Feindschaft - eine Spannung, die den gesamten Roman trägt.Die Geschichte wird aus Elaines Ich-Perspektive im Präteritum erzählt, was eine hohe emotionale Nähe erzeugt und ihre inneren Konflikte unmittelbar erfahrbar macht. Besonders überzeugend ist die konsequente Figurenzeichnung: Elaine erscheint als moralisch reflektierte, verantwortungsbewusste Protagonistin, deren Handeln aus Erfahrung, Verlust und einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn erwächst. Auch Kieran wird nicht eindimensional als Antagonist oder Love Interest angelegt, sondern gewinnt im Verlauf zunehmend an Tiefe, wobei seine innere Zerrissenheit glaubwürdig entwickelt wird.Das Setting ist eines der großen Stärken des Romans. Humpert entwirft eine düstere, kalte Fantasywelt, in der der Kontrast zwischen höfischem Reichtum, verarmten Stadtvierteln und dem bedrohlichen Wald prägnant herausgearbeitet wird. Bewusst gesetzte Leerstellen in der Beschreibung laden zur eigenen Imagination ein, während Kleidung, Rituale und Landschaft ein stimmiges historisch-fantastisches Gesamtbild erzeugen.Erzählerisch beginnt der Roman mitten im Geschehen, ohne erklärende Exposition. Die Welt erschließt sich schrittweise aus der Handlung heraus, was den Lesefluss unterstützt. Ein zunehmender Zeitdruck - insbesondere durch Elaines begrenzte Lebenszeit - steigert das Tempo kontinuierlich und führt in einen intensiven, überraschenden Showdown. Hervorzuheben ist zudem, dass es sich um einen abgeschlossenen Einzelband handelt.Insgesamt präsentiert sich Queen of Thieves and Shadows als überraschend intensive Dark Romantasy mit Substanz: moralisch graue Figuren, politische Dimensionen, emotionale Tiefe und eine winterlich-herbe Atmosphäre machen den Roman zu einer anspruchsvollen Lektüre für Fantasy-Leser:innen ab 16, die mehr suchen als bekannte Variationen etablierter Erzählmuster.