Mehr als ausbaufähig
"Das Dinner" von Emily Rudolf beginnt mit einer vielversprechenden Idee: ein Krimi-Dinner, ein verschwundenes Mädchen und eine alte Freundesgruppe, die sich in einer abgelegenen Location wiedersieht. Der Einstieg ist atmosphärisch und weckt sofort Interesse. Doch leider verliert der Roman dieses Potenzial schnell aus den Augen.Ein großes Problem sind die Figuren. Schon in früheren Werken der Autorin waren die Charaktere schwierig, doch hier wirken sie durchweg unsympathisch, toxisch oder schlicht abstoßend. Dadurch fiel es mir zunehmend schwer, irgendeine Form von Empathie aufzubauen. Irgendwann war es mir egal, wer Täter, Opfer oder Mitläufer ist - keine gute Voraussetzung für einen Thriller.Hinzu kommt die übermäßige Präsenz von Alkohol, Drogen und Sex, die weder erzählerisch notwendig noch sensibel dargestellt wird. Besonders die Art, wie Drogenkonsum thematisiert wird, wirkt oberflächlich und unrealistisch. Das vermittelt ein verzerrtes Bild eines ernsten Themas und fühlt sich eher wie ein Lückenfüller an.Die Erzählstruktur ist ambitioniert, aber überladen. Fünf Perspektiven, zwei Zeitebenen und zusätzlich die Rollen des Krimi-Dinners - das klingt spannend, führt aber zu Wiederholungen und Längen. Die Handlung tritt häufig auf der Stelle, während die Beziehungen der Figuren zunehmend unglaubwürdig und negativ wirken. Die Dynamik dieser "Freunde" ist so toxisch, dass ich mich irgendwann fragte, warum sie sich überhaupt noch treffen sollten.Der Thriller verliert zusätzlich an Kraft, weil die Krimi-Dinner-Ebene - eigentlich das spannendste Element - viel zu früh aufgelöst wird. Danach fehlt der Geschichte ein klarer Spannungsbogen. Einzelne Twists sind gelungen, doch sie reichen nicht aus, um die langatmigen Passagen auszugleichen. Auch der Schreibstil konnte mich nicht überzeugen: derb, repetitiv und ohne die Atmosphäre, die das Setting eigentlich hergeben könnte.Am Ende bleibt ein Roman, der mit einer starken Idee startet, aber an der Umsetzung scheitert. Trotz einiger cleverer Momente konnte mich "Das Dinner" weder emotional noch erzählerisch abholen. Für mich war es eine knappe Enttäuschung.Daher vergebe ich 2 von 5 Sternen. Beim nächsten Buch der Autorin warte ich lieber erst die Eindrücke anderer Leser ab.