Berührend und kraftvoll
"Else" ist so ein warmherziges und zugleich gesellschaftlich sehr aufmerksames Buch über eine Frau, die sich mehr und mehr aus den engen Erwartungen ihrer Zeit zu lösen. Jasna Fritzi Bauer und Katharina Zorn packen Else in den Mittelpunkt ihrer Geschichte. Sie ist sozusagen eine Stino-Ehefrau und Mutter in den 1960er-Jahren - entsprechend aller gängigen Vorstellungen dieser Zeit. Das heißt, sie kümmert sich um den Haushalt, um die Familie und um das Funktionieren des Alltags. Nach außen wirkt alles geordnet, doch innerlich spürt Else, wie dieses Leben sie nicht vollständig ausfüllt, nicht wirklich glücklich macht. Da bleibt immer doch eine Leerstelle. Sie sehnt sich nach Eigenständigkeit, nach einem eigenen Raum und danach, nicht nur über ihre Rolle in der Familie definiert zu werden.Als Else auf eine Anzeige stößt, in der Taxifahrer gesucht werden, beginnt für sie der entscheidende Aufbruch - auch wenn dieser nicht mit einem radikalen Wumms um die Ecke kommt. Es ist viel subtiler, denn sie macht heimlich ihren Taxischein und wagt damit etwas, das in ihrer Umgebung keineswegs selbstverständlich ist. Gerade diese Heimlichkeit macht die Geschichte so glaubwürdig und vor allem nachvollziehbar. Man kann sich beim Lesen so herrlich in sie hineinversetzen. Else ist nämlich eine Frau, die ihre Familie liebt, die Verantwortung trägt und dennoch spürt, dass sie mehr vom Leben will. Genau das fühlen sicherlich auf verschiedenen Ebenen viele Frauen - weshalb es auch so nachvollziehbar ist. Ihr Schritt in die Arbeitswelt ist deshalb nicht nur eine berufliche Entscheidung, sondern ein Akt der Selbstbehauptung - und damit auch ein Vorbild für das Denken für jede Frau. Irgendwo spüren wir doch immer mal wieder, dass wir irgendwie eingeschränkt sind. Else zeigt uns, dass es immer wieder Wege gibt!Im Roman wird Emanzipation nicht auf die wehenden Fahnen als großes Schlagwort gepackt, sondern als ganz persönliche und vor allem individuelle Erfahrung. Else muss sich nicht nur gegen äußere Erwartungen behaupten, sondern auch immer wieder gegen ihre eigenen Zweifel ankämpfen. Sie fragt sich, was ihr zusteht, was sie wagen darf und wie viel Freiheit in einem Leben möglich ist, das so stark von Pflichten, Gewohnheiten und familiären Rollen geprägt ist. Gerade dadurch wirkt die Geschichte sehr nahbar. Sie zeigt vor allem, dass Selbstbestimmung nicht mit einem dramatischen Bruch beginnen muss, sondern vielmehr mit kleinen Entscheidungen vonstatten geht, die für die betreffende Person eine große Bedeutung haben.Der Beruf der Taxifahrerin ist dabei ein starkes Bild. Im Taxi bewegt sich Else durch die Stadt, begegnet anderen Menschen und erlebt eine Welt jenseits des häuslichen Alltags. Sie fährt nicht nur Fahrgäste von einem Ort zum anderen, sondern bewegt sich auch selbst innerlich weiter. Die Straßen werden für sie zu einem Raum der Freiheit. Dort ist sie nicht nur die Frau von jemandem oder die Mutter von jemandem, sondern eine eigenständige Person. Dieses Motiv macht den Roman besonders schön, weil es Elses Entwicklung auf einfache, aber wirkungsvolle Weise sichtbar macht. Und das hat mich auch wirklich sehr bewegt!Die Sprachweise zieht einen in ein Leben hinein, das persönlich und zugleich exemplarisch ist. Die Sprache ist schön, einfach und lässt einen eintauchen in dieses anfänglich noch fremde Leben. Gerade dadurch kann der Roman viele Menschen erreichen. Er erzählt von einer einzelnen Frau, aber auch von einem größeren gesellschaftlichen Wandel. Er zeigt, wie eng die Spielräume für Frauen lange waren und wie viel Mut es brauchte, sich auch nur ein Stück aus diesen Begrenzungen herauszubewegen. Und am Ende kann man dann auch sagen: Wie sie es auch heute noch an vielen Stellen sind. "Else" ist damit ein berührender und gut lesbarer Roman über weibliche Selbstbestimmung, über Sehnsucht, Pflichtgefühl und den Mut, dem eigenen Leben eine neue und vor allem eigene Richtung zu geben. Absolut große Leseempfehlung!