June Hur entführt uns ins Jahr 1506, mitten in die Joseon-Dynastie unter König Yeonsan. Die Prämisse könnte kaum intensiver sein: Ein tyrannischer König, der Frauen entführt, Bücher verbrennt und sein Volk unterdrückt. Die siebzehnjährige Iseul macht sich auf den Weg in die Hauptstadt, um ihre vom König entführte Schwester zu retten - und trifft dabei auf Prinz Daehyun, der seinen eigenen Halbbruder vom Thron stoßen will.Was June Hur richtig gut gelingt: Sie erschafft ein atmosphärisches historisches Setting, das lebt. Die Beziehungsdynamik zwischen Iseul und Daehyun hat mich überzeugt - sie entwickelt sich organisch aus gegenseitiger Verachtung zu einer Zweckgemeinschaft, die emotional trägt. Beide Charaktere bekommen echte Bögen, keine oberflächlichen Entwicklungen. Besonders Iseul hat mir gefallen: Sie behält ihre Menschlichkeit trotz aller Grausamkeit um sie herum, ohne dabei naiv zu wirken. Das Drama zwischen Macht, Geheimnissen und persönlichen Verlusten hat mich gefesselt, und die Romantik findet ihren Platz, ohne die politischen und gesellschaftskritischen Themen zu verdrängen.Allerdings stolpert das Buch über seine eigene Erzählstruktur. Die abrupten Zeitsprünge haben mich immer wieder aus dem Flow gerissen. Noch problematischer fand ich die ausführlichen Rückblenden, die oft an Stellen eingeschoben werden, wo narrativ eigentlich keine Zeit dafür ist. Wenn innerhalb weniger Absätze Handlung, Gedanken, Vergangenheit und Gegenwart durcheinandergewirbelt werden, wird der Text wirr - und das ist schade, weil die Geschichte selbst stark ist. An manchen Stellen hätte mehr Tempo der Erzählung gutgetan.Trotz dieser strukturellen Schwächen ist Ein Kranich unter Wölfen ein lesenswerter historischer Roman mit starken Charakteren und einem eindringlichen Setting. Ich habe Zeit gebraucht, um reinzufinden, aber wer bereit ist, sich durch die erzählerischen Unregelmäßigkeiten zu arbeiten, wird mit emotionaler Tiefe und einer fesselnden Putsch-Storyline belohnt.