Als Mitternachtshändlerin ist Loulie al-Nazari eine Legende. Sie handelt mit magischen Artefakten, reist allein durch die Wüste und ist eine gesuchte Verbrecherin. Doch dann erteilt ihr der Sultan persönlich einen Auftrag, den sie nicht entkommen kann: Sie soll einen gefangenen Dschinn finden, der die Heimsuchung der Menschenwelt durch die Wüstengeister beenden soll. Gemeinsam mit dem Kronprinzen, einer Dschinn-Jägerin und ihrem Leibwächter macht sie sich auf die Reise. Doch ihr Wächter ist selbst ein Dschinn und in der weiten Wüste ihre einzige Rettung... Wer orientalische Märchen liebt, der sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen. Von Geschichtenerzählern, Sandstürmen bis Flaschengeistern hat es alles, was ein gutes Märchen braucht. Die Autorin nimmt uns mit auf eine atemberaubende, atmosphärische Reise, bei der man selbst irgendwann das Gefühl hat, dass der Sand zwischen den Buchseiten knirscht. Wer an dieser Stelle eine Romantasy-Geschichte erwartet, ist hier allerdings falsch. Der Klappentext kann zwar so ausgelegt werden, doch die Sandsee-Chroniken sind eher ein klassisches, episches Fantasyabenteuer, in der Romantik eher eine untergeordnete Rolle spielt. Stattdessen gibt es Kämpfe, uralte Wesen, die unter dem Sand lauern, Intrigen in der Sultansfamilie, ein interessantes Magiesystem und faszinierendes Worldbuilding. Der Einstieg in die Geschichte ist fesselnd und die Handlung komplex genug, dass es nicht an jeder Stelle extrem spannend sein muss. Die Autorin nimmt sich auch Zeit für Geschichten und Mythen innerhalb des Buches, für Nebencharaktere und Hintergrundinformationen. Um da mitzukommen, muss man dranbleiben, mir hat zwischendurch der Kopf geraucht. Außerdem bringt sie tiefgründige Gedanken zu Gerechtigkeit, Schuld und Vergebung ins Spiel, was das Buch noch einmal realer und nachdenklicher macht. Die Protagonisten könnten verschiedener nicht sein und bilden vermutlich auch deshalb ein perfektes Team und wachsen dem Leser, trotz all ihrer Fehler, langsam ans Herz. Wohin die Reise zum Ende des Buches hinführt, bleibt bis zum Schluss ein Rätsel, die Welt ist zu komplex, um allein auf die Lösung zu kommen, selbst wenn man die eine oder andere Idee entwickelt. Auf den letzten Seiten hat die Autorin dann noch mal alles auf den Kopf gestellt und den Leser mit offenem Mund zurückgelassen, sodass wir jetzt ungeduldig auf die Fortsetzung warten müssen, denn das eigentliche Abenteuer Loulie Najima al-Nazaris hat gerade erst begonnen.