"Das ist mir scheißegal" ¿ Ein Ex-Redakteur klagt an
Alexander Teskes schonungslose Abrechnung mit der "Tagesschau"
Alexander Teskes schonungslose Abrechnung mit der "Tagesschau"Es gibt Bücher, die liest man mit wachsender Faszination, und es gibt Bücher, die man mit wachsender Empörung zur Seite legt. Und dann gibt es jene seltenen Exemplare, bei denen beides gleichzeitig geschieht - bei denen man sich beim Lesen immer wieder fragt, ob man dem Autor nun glauben soll oder nicht, ob er übertreibt oder endlich einmal die Wahrheit sagt. Alexander Teskes "inside tagesschau" ist so ein Buch.Der Autor, sechs Jahre lang Planungsredakteur bei Deutschlands wichtigster Nachrichtensendung, hat einen Insiderbericht vorgelegt, der sich wie eine Anklageschrift liest. Er nennt Namen, er zitiert aus internen Konferenzen, er schildert Szenen, die einem den Atem verschlagen. Und er tut all das mit einer sprachlichen Wucht, die man in dieser Branche selten findet.Teskes zentrale These ist ebenso einfach wie verheerend: Die Tagesschau, das Flaggschiff des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, hat mit ihrem selbsternannten Anspruch, seriös, ausgewogen und neutral zu informieren, längst gebrochen. Stattdessen, so der Autor, herrschen einseitige Berichterstattung, politische Schieflage und ein toxisches Arbeitsklima, das an einen schlechten Diktaturenroman erinnert. Die heimlichen Herrscher der Sendung sind demnach die "Chefs vom Dienst" - ein kleiner, westdeutsch-linksliberaler Zirkel, der nach persönlichem Gusto entscheidet, welche Themen in die Sendung kommen und welche nicht. Wer als Ostdeutscher, als Arbeiterkind oder mit Migrationshintergrund in diese Riege aufsteigen will, hat es kaum eine Chance.Was Teske ausbreitet, ist atemberaubend. Er schildert, wie die Chefs vom Dienst einen vom Chefredakteur gewünschten Beitrag einfach ignorieren - mit einem lapidaren "Das ist mir scheißegal". Wie über islamistische Anschläge nur zögerlich oder gar nicht berichtet wird, während die Hofberichterstattung über die britischen Royals tagelang die Sendungen dominiert. Wie die ARD bei der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 das verhängnisvolle Lachen von Armin Laschet verschweigt - ein Moment, der den Wahlkampf entschied. Wie ein angebliches Treffen von AfD-Politikern mit Rechtsextremisten ungeprüft übernommen wird, während spätere gerichtliche Richtigstellungen der breiten Öffentlichkeit vorenthalten bleiben.Dabei ist Teske kein verschwörungstheoretischer Querdenker. Er bemüht sich um Fakten, er zitiert Studien der Universität Mainz, er verweist auf interne Klimaberichte, die das von ihm geschilderte Bild eines toxischen Arbeitsumfelds bestätigen - Mobbing, sexuelle Übergriffe, Machtmissbrauch. Und dennoch: Das Buch ist kein neutraler Bericht, es ist ein Pamphlet. Teske rechnet ab mit Ex-Kollegen, er spart nicht mit Ironie und Sarkasmus, er ist oft so polemisch, dass man als Leser unwillkürlich Abstand gewinnen möchte.Doch genau das macht die Lektüre so unterhaltsam. Teske schreibt nicht wie ein Jurist, der Beweise zusammenträgt, sondern wie ein Erzähler, der eine Geschichte erzählt - seine Geschichte. Und diese Geschichte hat Sogwirkung. Man blättert Seite um Seite, weil man wissen will, wie es weitergeht, was die nächste Enthüllung ist, wer als nächstes "geoutet" wird. Selten hat mich ein Sachbuch so gut unterhalten - und das bei einem Thema, das eigentlich alles andere als heiter ist.Meine Lieblingsszene? Sie findet sich gleich zu Beginn des Buches. Teske beschreibt, wie er an seinem ersten Arbeitstag in der Redaktion dem Chefsprecher Jan Hofer in die Arme läuft und sich wundert, "wie klein er in Wirklichkeit ist". Dieser kurze, fast beiläufige Satz ist ein perfektes Bild für das gesamte Buch: Es geht um die Diskrepanz zwischen dem, was die Zuschauer sehen - große, unnahbare Gesichter - und dem, was wirklich dahintersteckt. Menschen, die auch nur mit Wasser kochen, die Eitelkeiten haben, die sich mobben, die politische Vorlieben hegen. Das ist banal, aber es ist genau diese Banalität, die Teske immer wieder aufzeigt.Was bleibt nach der Lektüre? Ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits ist Teske ein überzeugender Kronzeuge - er war dabei, er hat es gesehen, er nennt Daten und Fakten. Andererseits ist seine Perspektive so subjektiv, so emotional, dass man sich fragt, ob ein anderer, ebenfalls sechs Jahre lang anwesender Redakteur vielleicht ein völlig anderes Bild zeichnen würde. Das Buch ist eine Anklage, keine Untersuchung. Und Anklagen sind per Definition parteiisch.Dennoch: Dieses Buch ist wichtig. Es ist ein Beitrag zur Medienkritik, der längst überfällig war. Es zeigt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht nur ein Verwaltungsproblem hat (die ewige Debatte über die Gebühren), sondern vor allem ein inhaltliches. Dass die Tagesschau sich von ihrem Kernauftrag, objektiv und ausgewogen zu informieren, immer weiter entfernt - und dass sie sich stattdessen immer mehr der Quote und der Boulevardisierung unterwirft.Dafür gibt Teske vier von fünf Sternen (aufgerundet von 3,5). Warum nicht die volle Punktzahl? Weil das Buch zu einseitig bleibt, zu sehr auf persönliche Rachefeldzüge setzt und zu wenig Raum für Gegenargumente lässt. Wer die ARD verteidigen möchte, kommt hier nicht zu Wort. Teske hat aber völlig zu Recht vier Sterne verdient, weil es mitreißend, faktenreich, unterhaltsam und vor allem wichtig ist. Es ist ein Buch, das man gelesen haben muss, um zu verstehen, warum das Vertrauen in die Medien in Deutschland bröckelt - und warum der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich vielleicht doch nicht so unschuldig an diesem Vertrauensverlust ist, wie er immer tut.Tipp: Nach der Lektüre sollte man Teskes Thesen unbedingt mit anderen Stimmen abgleichen - etwa mit Studien der Otto-Brenner-Stiftung oder Medienkritikern wie Stefan Niggemeier. Das hilft, ein vollständigeres Bild zu bekommen und Teskes Polemik einzuordnen. Aber lesen sollte man das Buch auf jeden Fall.