"Oh Sunny" von Ta-Som Helena Yun war eine Überraschung für mich, denn mit Blick auf dieses farbenfrohe Cover und dem Blurb von Mithu Sanyal, die von einem "herrlich rebellischen Trip" spricht, hatte ich kaum mit einer so tiefgründigen und gar bedrückenden Geschichte gerechnet.In dem Buch begleiten wir Sunny, die aus den Zwängen und strengen Regeln ihres Elternhauses ausbricht und in einer Turnhalle landet, wo sie den koreanischen Heimatverein ihrer Freundin Ha unterstützt. In ihrer Jugend musste sie eine Entscheidung treffen (oder haben ihre Eltern diese Entscheidung für sie getroffen?!), über die sie stillschweigen muss, um das Ansehen ihrer Eltern nicht zu beschädigen. Es wirkt Paradox, dass ihr Vater ein anerkannter Freiheitskämpfer ist, er für seine Tochter jedoch ganz andere moralische Vorstellungen hat. Auch die Mutter ist Sunny keine Unterstützung. Im Gegenteil ist auch sie es, die Sunny psychisch erniedrigt. Das Erlebte in ihrer Jugend hat Sunny bis ins Erwachsenenalter nicht überwunden, wie ein Schatten liegt dieses Ereignis über ihrer Seele, das sie aufzufressen droht. Als sie ausbricht und im koreanischen Heimatverein landet, wird ihr umso deutlicher, dass auch ihre Freundin mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen hat.Der Autorin ist ein starkes Debüt gelungen, das uns in einer klaren Sprache in die Gefühlswelt der Protagonistin mitnimmt und den Leserinnen zeigt, wie belastend familiäre Zwänge und gesellschaftliche Erwartungen sein können. Besonders gelungen fand ich die Einbindung von historischen Tatsachen aus der koreanischen Geschichte, über die ich mich nach der Lektüre des Buches noch weiter informiert habe. So greift Ta-Som Helena Yun u.a. die grausame Geschichte der sogenannten koreanischen "Trostfrauen" auf, die im zweiten Weltkrieg als Sexsklavinnen für japanische Soldaten herhalten mussten. Im Roman möchte der Kulturverein eine Friedensstatue in Berlin aufstellen lassen, die eine koreanische Frau zeigt und so auf das konkrete Leid der Koreanerinnen, aber auch allgemein auf das Leid von Frauen in Kriegsgebieten aufmerksam machen soll. Diese Statue gibt es tatsächlich und auch die politische Kontroverse um dieses Mahnmal sind keine Fiktion.Fazit: Ein überraschend tiefgründiges Buch, das mich insbesondere durch das Einbinden historischer Tatsachen, aber auch durch das Schicksal von Sunny sehr berührt hat. Ich konnte Sunnys Verhalten nicht immer nachvollziehen, aber dennoch konnte ich ihren Schmerz spüren. Von mir gibt es 4,5 Sterne und eine Leseempfehlung!